Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Die lieben

Verwandten

Im Juni war für die Strokes die riesige Treptower Arena fast zu klein. Heute ist für den Strokes-Gitarristen Albert Hammond Jr. der kleinste Saal des Postbahnhofs noch zu groß. Doch ein intimes Clubkonzert ohne Schnickschnack ist allemal interessanter als das Brimborium entrückter Großbühnen. Sogar ganz hinten ist man noch dicht dran, mittendrin. Albert Hammond Jr., mit Dylan-Wuschelhaaren, hat die weiße Stratocaster gewohnheitsmäßig hoch vor dem Oberkörper hängen, wie die Beat-Bands der 60er Jahre. „We got some songs to play for you tonight – check it out!“ Und brettert los mit seiner Band, einer Wand aus drei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Die Songs vom ersten Soloalbum „Yours To Keep“ (Rough Trade) klingen im Konzert roher und härter als auf den Studioaufnahmen, auch wenn Hammond Jr., der amerikanische Sohn des englischen Songwriters Albert sen., manchmal zur Akustikgitarre wechselt. Und einer der Begleitgitarristen zu Orgel, E-Piano und Keyboards mit glockenspieligen, mellotronischen Klängen.

Überhaupt schöpft diese Musik viel aus dem Rockkanon der Vergangenheit. Melodische Erinnerungen an die Beatles, Stimmfarben von Ray Davies, Gitarrenriffs der Kinks, Powerchords der Who, Früh-Psychedelia à la Pink Floyd. Und immer wieder musikalische Querverweise zu den Strokes, deren Energie sich aus ähnlichen Quellen speist. Hammond scherzt mit den Fans und donnert ihnen den nächsten Song um die Ohren. Am Ende ein Instrumental mit Zwillingsgitarren. Es klingt wie „This Land Is Your Land“. Nach vierzig Minuten ist Schluss. Kurz und bündig.

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KLASSIK

Lob des

Unbekannten

„Ich schätze über alles das Vergnügen, etwas Neues zu entdecken und die Unvorhersehbarkeit der Entdeckung.“ Für sein diskografisches Lebenswerk, das von diesem Mut zum Risiko geprägt ist, erhielt der kanadische Pianist Marc André Hamelin jetzt die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik. In seiner zwanzigjährigen Karriere sind etwa 50 Alben entstanden, auf denen sich immer wieder Unbekanntes in höchster Qualität findet: Zur Verbreitung der Werke von Charles Ives und Stefan Wolpe, der Entdeckung der musikalischen Querdenker Alkan und Sorabji oder der Komponistin Sophie Carmen Eckhardt-Grammaté, zur Rehabilitation Nikolai Medtners hat Hamelin maßgeblich beigetragen. Ein souveränes Können empfindet dabei alle technischen Schwierigkeiten geradezu als Inspiration.

Doch wer im Preisträgerkonzert im Musikinstrumenten-Museum den Klavier- Akrobaten, den „Tastenlöwen“ erwartete, sah sich angenehm enttäuscht. Im Gespräch mit Martin Elste präsentierte sich ein wohltuend „normaler“ Künstler, dessen Nachdenklichkeit bisweilen ein leiser Humor aufhellt. Voller Stimmungsumschwünge und geschliffener Nuancen präsentiert er Haydns h-Moll-Sonate Hob. XVI:32; das perkussive Virtuosenstück „Rudepoêma“ von Heitor Villa Lobos überrascht neben vielschichtigen „brasilianischen“ Rhythmen mit dunkel- glühender Melancholie, die dann auch Hamelins eigenes Arrangement eines Tschaikowsky-„Wiegenliedes“ für die linke Hand prägt. Eher unspektakulär Chopins h-moll-Sonate, doch nimmt Hamelins transparente Stimmführung auch hier auf Entdeckungsreise mit und lässt im sanft fließenden Largo ganz den Lyriker sprechen. Isabel Herzfeld

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