Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Break,

versemmelt

Das nennt man Popularitätsschub: Bei einem Berlin-Auftritt im Frühjahr wurden The Kooks, ihr brillantes Debütalbum war gerade erschienen, freundlich aufgenommen. Nach einem Sommer voller Teenagerhysterie sind sie in England richtige Stars, und auch hier auf dem Wege dahin. Ein sehr jugendliches Publikum drängelt sich im ausverkauften Postbahnhof und gerät schon beim Stumpf-Rock der Vorband The Films so in Wallung, dass die Ordner zur Mäßigung aufrufen. Hilft wenig, denn als das knuddelige Quartett aus Brighton loslegt, spült die Begeisterung immer wieder Crowdsurfer über die vorderen Reihen hinweg, dehydrierte Mädchen werden von besorgten Freundinnen nach hinten geleitet. Sänger und Gitarrist Luke Pritchard ist mit pudeligem Lockenköpfchen und rasch durchgeschwitztem Leibchen das Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Erfolgsgeheimnis der Kooks liegt aber darin, dass hier nicht nur ein paar hübsche, blutjunge Lads ordentlich rumlärmen, sondern dass ihre Songs außergewöhnlich gut sind. Schon das solo auf der Akustischen vorgetragene „Seaside“, bei dem Pritchard die Vokale wie Kaugummi dehnt, ist ein kleiner Ohrwurm. Ihre besten Songs „She Moves In Her Own Way“, „You Don’t Love Me“ oder „Naive“ klingen in ihrer makellosen Wohlgeformtheit wie für die Ewigkeit gemacht. Natürlich ist da noch Luft nach oben: Die Gniedeleien von Leadgitarrist Hugh Harris wirken etwas schematisch, Drummer Paul Garred versemmelt beim „Sofa Song“ ein Break, das Zusammenspiel darf noch harmonischer werden. Aber für ihre Jugend sind The Kooks eigentlich sagenhaft gut. Und die Kids lieben sie. Kann man auch dann verstehen, wenn man das zweite Lebensjahrzehnt schon hinter sich hat.

* * *

KUNST

Gedächtnis,

geschüttelt

Großzügig behaarte Männer in Miedern, eine flamboyante über zwei Meter große Drag Queen und sieben Kleinwüchsige in bayerischen Lederhosen – willkommen im surrealen Kosmos der polnischen Video- und Performance-Künstlerin Katarzyna Kozyra . Die Kunst macht Träume wahr lautet der überdeutliche Titel ihrer Ausstellung in der daad-Galerie (Zimmerstr. 90/91, bis 9. Januar, Mo – Sa 11 – 18 Uhr). Mit Träumen meint Katarzyna Kozyra natürlich nicht die bürgerlichen Träume vom Einfamilienhaus und Eheglück. Für Kozyra ist Kunst ein utopischer Raum, der ein grenzenloses Spiel mit Identitäten, Geschlechterklischees und gesellschaftlichen Normierungen eröffnet. So lässt sich die Künstlerin in einem ausgeweideten Flügel von befrackten Männern feierlich die Treppen einer Kirche heruntertragen. Der Flügel wird zum Sarg, und Kozyra verkörpert eine quicklebendige Leiche, die sich im leeren Innenraum des Flügels rekelt. In einer anderen Arbeit spielt Kozyra ein weiß gekleidetes Schneewittchen, das von ihrer bösen Schwiegermutter – wunderbar affektiert gespielt von der Drag Queen Gloria Viagra – tyrannisiert wird, bis ein schnurrbärtiger Sänger als ihr Retter plötzlich einer hölzernen Truhe entsteigt.

Wie einen Cocktail schüttelt Kozyra unser kulturelles Gedächtnis, bis aus den einzelnen Partikeln eine neue bunte Welt entsteht. Die Präsentation ihrer Arbeiten wirkt im Kontrast zum schrägen Inhalt jedoch fast asketisch streng. Entlang einer Wand der daad-Galerie zieht sich eine Phalanx aus Flachbildschirmen, voneinander durch Sichtschutz getrennt. Das erinnert eher an aufgereihte Telefonzellen etwa auf einem Flughafen als an ein feierliches Plädoyer für die Kunst als Utopie und Erfüllungsgehilfe von Träumen. Hendrik Lakeberg

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben