Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Stuck,

entstaubt

So zwingend und bekenntnishaft wie Aribert Reimanns vokale Musik wirken die instrumentatorisch tadellose aber formal recht disparat dahinmäandernden „Zeit-Inseln“ von 2004 nicht. Aber das Stück eignet sich, in der Philharmonie das Ritual eines Konzerts mit klassisch besetztem Symphonieorchester und leibhaftig anwesendem Komponisten ein wenig ins 21. Jahrhundert fortzuschreiben.

Kaum weniger zeitgenössisch wirkte allerdings auch die Interpretation des großen eindrucksvollen Klassikers des Abends, nämlich des 1. Klavierkonzerts von Brahms. Den Architekten des umgebauten Bode-Museums vergleichbar gelang es Kent Nagano und dem Deutschen Symphonie Orchester , das massive Klanggebäude von pathetischer Schwere zu befreien, ohne Stuck abzuschlagen. Besonders die Betonung der Linie legte architektonische Details frei und ließ die überraschenden fugenartigen Passagen im letzten Satz so zwingend erscheinen. Benedetto Lupo erwies sich als ebenbürtiger Partner Naganos: Fern von allen auftrumpfenden Gesten zeigte der Pianist Brahms von einer überraschend sensiblen Seite – was den unterirdisch fließenden energetischen Lavastrom an kalkulierten Stellen umso eindrucksvoller hervorbrechen ließ.

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KABARETT

Ein kleiner

Irrtum ist immer dabei

Unter einer Wäscheleine, an der Konterfeis von Kanzlern und Staatsratsvorsitzenden baumeln, hocken nostalgische Kabarettisten. „Das waren noch Politiker!“, schwärmen sie. Ihre Song-Parodien geben dem Abend Ein Lied umgeht die Welt (bis 21. 12.) den roten Faden. Das Liebeslied „Er will doch nur spielen. Der tut nichts!“ ist Gerd Schröder i. R. gewidmet. Heinz Rühmann, der Nicht-Politiker, outet sich mit „Kann denn Liebe Sünde sein“ als Monster-Männlein. Für Wowi aktualisiert Hilde, sonnenbebrillt, ihren schönsten Walzer: „Eins und eins das macht drei, ein kleiner Irrtum ist immer dabei. Doch Rechnen schadet der Illusion. Die Staatsoper wird eine ,Nordsee‘-Filiale, die Humboldt-Uni ’ne ,Schlecker‘-Zentrale.“ Pieksen will diese Distel nicht. Sie kitzelt gekonnt, amüsiert waidwunde Einheitsopfer auf dem schmalen Grat zwischen Affirmation und Subversion. Das ehemalige Ost-Brettl realisiert die deutsch-deutsche Symbiose; im Ensemble ein Rheinländer, als Chef ein Westberliner, nach uns die Globalisierung! Leider wird das titelgebende Schlager-Thema verschenkt, für einen Moment nur blitzt Schnulzenweisheit auf: „Wenn man für Liebe bezahlen muss, um einmal glücklich zu sein, dann haben wir umsonst gelebt.“ Hieß es „geklebt“? Ach, der olle „Distel“-Mief ist fast passé. Als DDR-Fossil à la „Good bye, Lenin“ ließe sich das (durch den neuen Intendanten Frank Lüdecke) aufgefeschte Programm kaum verwenden. Trotzdem überzeugt Erichs finaler Auftritt, ein quäkender Staubmantel im Kunstnebel, mit – Weltniveau. Thomas Lackmann

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POP

Dein ist

mein ganzes Herz

Sie faucht, krächzt, heult, weint still und ist verzweifelt. Dann rollt sie wieder mit den Augen und tanzt Voodoo im bauchnabelfreien Riot-Grrrl-Outfit, wobei sie aussieht wie Heike Makatsch, der man nach einer durchzechten Nacht die Bettdecke weggezogen hat – Sandy Dillon , die vor 22 Jahren von New York nach London gezogen ist, um ihren „Mutated Blues“ zu entwickeln, der von der Presse gern „als weibliche Inkarnation von Tom Waits“ bezeichnet wird. Und nun steht sie nach fünf Jahren wieder auf der Bühne des Quasimodo , singt mit ihrer unvergleichlichen Kellerstimme, die jede Nuance beherrscht, klimpert dazu mit dem Daumenklavier oder pumpt die Kirchenorgel, während die Slide-Gitarre von Ray Majors feierlich krachend ihren Weg durchs Mississippi-Delta nimmt, begleitet von „Sir“ Eddie Real von Alabama 3 am Schlagzeug, der die Brit-Rock-Legende mit schnarrenden Wirbeln zu großartigen, um Erlösung bittenden Wimmersoli antreibt.

Eine Wanderung durch Gospel-Schmelz, New-Orleans-Flackern, Swamp-Bluesrock-Sauereien, mit Songs aus dem aktuellen Album „Pull the Strings“, „How Many More Years“ von Howlin’ Wolf und „This Is The Day“ von Captain Beefheart, bis einmal mehr feststeht, was wir schon immer gewusst haben: Sandy Dillon ist so einzigartig wie die Welt, die sie besingt. Ein in leuchtenden Farben blühender Wildwuchs auf der Schattenseite des Lebens, wobei das fragwürdigste an dieser Gegend ist, dass man sich hier recht nett einrichten kann, wenn man bereit ist, sich ein wenig an den Unrat zu gewöhnen, den der Wind durch die Straßen trägt. Am liebsten würde man sie mit nach Hause nehmen, damit sie dort weiterspielt, bis das Morgenlicht unter der Tür durchkrabbelt. Volker Lüke

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