Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Romeo und

der Kuhjunge

Bei seinem russischen Programm lässt Zubin Mehta die Berliner Philharmoniker in maximaler Streicher-Besetzung aufspielen: In Tschaikowskys „Romeo und Julia“-Ouvertüre baut sich so vom dunklen Holzbläser-Satz des Beginns bis zum Breitwandsound der ekstatischen Schwelgereien, die dem finsteren Schluss vorausgehen, ein überwältigender Klang- Organismus auf, bewegt von einem gemeinsamen Atem. Die Übereinanderschichtungen komplementärer Rhythmen, die Mehta und die Philharmoniker hier souverän ausspielen, verweisen schon auf die vertrackt zerschnittenen Abläufe und verzwickten Synkopen, die in Strawinskys „Symphonie in drei Sätzen“ von 1945 aus noch einmal die Welt des „Sacre“ in Erinnerung rufen, aus der Erfahrung des Krieges heraus allerdings ohne jenen stampfenden Kult des Archaischen, der Jahrzehnte zuvor beschworen wurde.

Beide Werke bereiten vor auf das Konzertstück, das diesmal in die zweite Hälfte gerückt ist. Lang Lang ist der Solist in Rachmaninows 3.Klavierkonzert, in dessen liedhaften Anfang er mit sehr direktem Ausdruck und ziemlich flottem Tempo einsteigt. Das Zusammenspiel mit den Philharmonikern ist, was die rhythmische Energie und das flexible Tempo angeht, phänomenal, sonst hinterlässt das Konzert als Ganzes keinen schönen Eindruck. Der viel bewunderte Ton Lang Langs erscheint hier zumeist kalt, dünn im Bass, knallig und viel zu wenig singend in der Höhe, das mittlere Register recht farblos, etwa in der Kadenz des ersten Satzes. Vor allem aber vermittelt sich, über die manirierten Einfälle zu einzelnen Stellen hinaus, überhaupt kein Eindruck von Entwicklung und Zusammenhang, weder ausdrucksmäßig noch analytisch. Mit seiner Zugabe, dem witzigen Porträt eines chinesischen „Kuhjungen“ zeigt Lang Lang dann, wo seine eigentliche Stärke liegt: in der pointenreichen Miniatur.

* * *

THEATER

Mit dem Taxi

zur Geliebten

Ein Mann steht auf der Bühne. Lautsprecherdurchsage: All passengers for flight 8-1-4, this is the final boarding. Der Mann weiß nicht, ob er fliegen und seine Geliebte verlassen oder bleiben soll. Last call for flight 8-1-4. Bleibt er, stellt er sich vor, er wäre geflogen. Fliegt er, stellt er sich vor, er wäre geblieben. Der eine wird im Flieger sitzen, der andere fährt im Taxi zur Geliebten. „Was er erlebt, so oder so, ist der Riss, der durch seine Person geht.“ Max Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ stellte die Frage nach der Erfindung von Identität. Das Leitmotiv: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“ Mal schlüpft der Erzähler in die Person des Ehemanns, mal ist er der Geliebte seiner Frau, mal entwirft er sein glückliches Leben als Blinder. Statt einer linearen Handlung ein kaleidoskopisches Rollenspiel, eine Auffächerung von Entwürfen der eigenen Identität.

Gantenbein ist jetzt erstmals auf der Bühne, am HAU 1 inszeniert worden (wieder am 9./10. Dezember, 19.30 Uhr. Stresemannstr. 29, Kreuzberg). Glen Neath hat das Werk bearbeitet, John Hardwick führt Regie. Das Stück ist berauschend. Der Mann (Lars Rudolph) und die Frau (Annika Kuhl) teilen sich ein karges Zimmer, in dem sie zu einem furiosen Wechselspiel anheben. Im Zentrum steht der Ehebruch. Die schrille Akzentuierung der neurotischen Charaktere zeigt, was in der Frisch-Rezeption oft untergeht: den brillanten Humor, mit dem der Schweizer sein bürgerlich-intellektuelles Milieu beobachtete. Julius Hess

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