Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

OPER

Kurzes

Glück

Mit dem schulterlangen schwarzen Haar, dem kecken Kinnbärtchen und den androgynen Gesichtszügen sieht Joel Prieto genauso aus, wie man sich 2006 den perfekten Romeo vorstellt. Bei Gounods Roméo et Juliette in der Deutschen Oper allerdings muss der junge Tenor die Rolle des Tybalt übernehmen. Noch ist seine Zeit nicht gekommen, noch gibt Neil Shicoff den Titelhelden. Bei dem 57-Jährigen ist jugendliches Feuer eine Frage der inneren Einstellung: Er lebt die Rolle in jeder Note, jeder Bewegung. Sicher, manches ist den Stimmbändern abgerungen, doch Shicoffs unbedingter Ausdruckswille fasziniert ungebrochen.

„Premiere“ nennt die Deutsche Oper diese Konzertversion etwas großspurig – wobei die zweite Aufführung am Dienstag bereits die Dernière ist. Galaniveau aber hat die Besetzung durchaus: Jacquelyn Wagner betört als metrosexueller Mercutio, Markus Brück lässt jede Silbe funkeln, der wunderbare Arutjun Kochinian singt einen menschenfreundlichen Mönch, der Chor ist von Hellwart Matthiesen exzellent präpariert. Nach der Absage von Angela Gheorghiu fehlt dem ersten Abend allerdings die Königin, auch wenn sich Einspringerin Nicole Cabell professionell präsentiert. Dirigent Frédéric Chaslin gelingt es im Laufe des Abends, das Orchester auf französische Klangfarblichkeit einzuschwören.

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TANZ

New Kids

on the Socks

Dogukan, Ayoub, Lisa Maria und die anderen sind zunächst nur per Videobild präsent – virtuelle Mitspieler der sechs Tänzer. Wenn die Jugendlichen dann die Bühne der Sophiensäle betreten, ist das ein großartiger Moment. Livia Patrizi spannt in „Wer hat Angst vor Tanz?“ (wieder am 10. sowie vom 13. - 17. 12.) Profitänzer und Berliner Schüler zusammen. Als Initiatorin von „Tanzzeit – Zeit für Tanz in den Schulen“ hat die Neapolitanerin in Berlin schon allerhand bewegt. Auch hier schafft sie es, dass die beiden Parteien sich aufeinander zu bewegen, mitreißen und so am Ende wirklich eine Gemeinsamkeit entsteht. Gelingen kann das nur ohne aufdringlicher Didaktik. Die Jugendlichen wurden zu den Themen Körper, Vertrauen, Zukunft befragt. Die Tänzer reflektieren diese sehr persönlichen Erzählungen, stellen Verbindungen her, ohne sich den Kids anzubiedern. Die amüsanten Szenen demonstrieren, dass auch sie sich mit ihren Problemzonen herumplagen, anders sein wollen und doch dazugehören. Wenn die Schüler dann loslegen, in Solos, Duetten, Mädchen- und Jungsformationen, ist man regelrecht von den Socken. Sandra Luzina

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HIPHOP

Heilsversprechen

gehalten

Das Publikum in der Columbiahalle hat wie in einem Stammesritual ein gepresstes „Roots, Roots, Roots!“ ausgestoßen, hat getanzt und die Arme geschwenkt. Trotzdem findet Black Thought, die Stimme der berühmtesten Band Philadelphias: „Die Party ist vorbei!“ The Roots verarbeiten auf ihrem aktuellen Album „Game Theory“ die Schocks, die die letzten Jahre der afro-amerikanischen Bevölkerung bereiteten. Die Wucht des Albums prasselt in der ersten Stunde des Abends auf die Fans nieder: Temporeich, verdichtet und konzentriert, ein gut geschmiertes Soundsystem, das pausenlos um die treibenden Beats des Schlagzeugers Questlove rotiert. Erst in einem zweiten Teil wird sich das Kollektiv Zeit nehmen für spielerische Jazz-, Rock- und Funksoli. Trotz aller Virtuosität fällt die Spannung ab. Als die Party schon totgesagt ist, spielen die sechs noch ein fröhliches Medley, von Ray Charles bis Justin Timberlake. Es ist offensichtlich, aus welcher Richtung sie Erlösung erwarten: „It’s in the music, turn it up, let it knock, let it bang on the block.“ An diesem Abend haben sie das Heilsversprechen kurz wahr gemacht. Daniel Völzke

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