Kultur : KURZ & KRITISCH

Julius Hess

MUSIK

Heiß oder

auf Eis

Heute Abend sind alle schön artig. Keine Schläge mit der Rute, sondern Pfeffernuss, Apfel und Mandelkern. Das Deutsche Symphonie-Orchester gibt sein Weihnachtskonzert in der Philharmonie und hat dazu den Jazztrompeter Till Brönner samt Band eingeladen. Brönner betritt den Saal mit Anzug und gegelten Haaren. Er schmunzelt ins Publikum, geschniegelt und schmuck wie ein kultivierter Mafioso mit Trompete. So elegant und adrett wie sein Auftreten ist sein Spiel. Den Auftakt machen die „German Songs“, Bearbeitungen deutscher Schlager der 30er Jahre, die Brönner mit dem DSO auch auf CD eingespielt hat. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“: Brönners Spiel ist klar wie Eis, die Töne seines Instrument stehen wie Fahnen senkrecht im kalten Himmel. Differenziert und aufgeräumt klingen die Kompositionen, man lässt sich gegenseitig Platz. Brönner behandelt das Orchester respektvoll wie einen Mitmusiker.

Nach den Klassik-Klassikern – „Hänsel und Gretel“-Ouvertüre, „Nussknacker“- Suite – und Hindemiths Symphonischen Metamorphosen folgen amerikanische Weihnachts-Traditionals. Hier jedoch treten sich die Jazz-Combo und das DSO auf die Füße: Übernimmt das Orchester unter Leitung von Peter Christian Feigel die Führung, folgt es meist einer durchschaubaren Dramatik. Spielt die Band auf, degradiert sie die sinfonischen Instrumentalisten zu Statisten. Beim abschließenden Christmas-Medley fragt man sich, ob wirklich das Deutsche Symphonie-Orchester antreten muss, um pflichtbewusst und artig „Jingle Bells“ zu spielen.

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THEATER

Der Schöne und

die Briest

Die Dramatisierung des Fontane-Romans „Frau Jenny Treibel“ war der große Erfolg des Potsdamer Hans-Otto-Theaters während der Wanderjahre vor Vollendung des neuen Theaterbaus. Die Produktion von Intendant Uwe-Erik Laufenberg, bei der das Publikum den Protagonisten durch die historischen Räume im spätbarocken Palais Lichtenau folgt, wird auch weiterhin gezeigt (nächste Termine: 17., 20., 23. und 26. Dezember). Parallel dazu ist jetzt im Neuen Theater an der Schiffbauergasse eine weitere Bühnenfassung eines Fontane-Klassikers zu sehen. Regisseurin Petra Luise Meyer hat Effi Briest mit großem Respekt vor dem Text zum szenischen Neunzigminüter verkürzt (wieder am 16. und 21. Dezember sowie 12. und 25. Januar). Sie widersteht sogar der Versuchung, für das Ehrenduell ein heutiges Äquivalent zu finden. Bühnenbildner Matthias Schaller seinerseits versucht gar nicht erst, mit dem genius loci des Palais Lichtenau in Konkurrenz zu treten: Der Fehltritt der Landratsgattin findet im abstrakten Raum statt, auf einem Laufsteg, der weit in den Zuschauerraum hineinragt. Um zu zeigen, dass sich die Herren hier allesamt als Rittmeister im doppelten Wortsinn verstehen, braucht Kostümbildnerin Jessica Karge nur ein kleines Stück Leder: An der Innenseite sind die Männerhosen in Kniehöhe durch Aufnäher verstärkt. Engländer tragen so etwas an den Ellenbogen.

Jana Klinges Effi wird wie eine Feder im Sommerwind hin und her getrieben, zu zart sowohl für den brachialen Lebenswillen des schönen Majors Crampas (Moritz Führmann) wie auch für das Duckmäusertum des Gatten (zu jung besetzt, aber richtig schön aasig: Philipp Mauritz).

Ein Ensemble, das weder zu cool noch zu zynisch ist, um geradlinig Geschichten zu erzählen, das ist das Pfund, mit dem das Hans-Otto-Theater in der Berlin-Brandenburgischen Bühnenlandschaft wuchern kann. Frederik Hanssen

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KUNST

Immer

auf dem Sprung

Schaut er eher streng oder vielleicht doch amüsiert? Eine Hand liegt auf dem Knie, die andere am Revers. Das Selbstbildnis des dänischen Malers, Entwerfers, Kunsterziehers, Kritikers, Sammlers Johan Rohde strahlt Gelassenheit und Spannung zugleich aus. Immer auf dem Sprung, immer die nächste Idee im Kopf – erst im Ergebnis, im Kunstwerk, löst sich die Kraft in Ruhe auf. Das Bröhan-Museum widmet dem viel gereisten Multitalent eine Retrospektive und feiert ihn aus Anlass seines 150. Geburtstags als „Künstler der Moderne“ (bis 28. Januar, Di – So 10 – 18 Uhr).

Rohde verließ als junger Maler gelangweilt nach nur einem Jahr die Kunstakademie und gründete eine freie Künstlerschule. Er suchte neue Ausdrucksformen, ohne jedoch alle Tradition zertrümmern zu wollen. In seiner Malerei, die die spröde und melancholische dänische Landschaft einfängt, entwickelt er früh eine schnörkellose Bildsprache, die nichts versteckt, nichts vorgaukelt. Im Bröhan-Museum kann der Betrachter den Weg Rohdes verfolgen: von den Landschaftsbildern über seine Studien der Antike (Rohde kopierte auf Reisen griechische Reliefs und Vasenmalereien) bis zu ersten Silber- und Möbelentwürfen. Vorbereitende Skizzen, Grafiken und antike Gefäße aus Rohdes Sammlung beleuchten das künstlerische Umfeld. Die Ausstellung wirft auch einen Zeitstrahl in die Gegenrichtung: An den dänischen Silberarbeiten folgender Generationen lässt sich die Wirkung der berühmten Entwürfe Rohdes für die Silberschmiede Georg Jensens verfolgen. Heute ist der 1935 verstorbene Künstler selbst längst Teil der Tradition. Daniel Völzke

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