Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Die Kunst

der Wiederholung

„Nocturno del hueco“, Lückennocturne also, heißt das Gedicht von Garcia Lorca, von dem sich Isabel Mundry zu ihrem neuesten Orchesterstück inspirieren ließ. Nach der Uraufführung in Chicago stellt es Daniel Barenboim nun mit der Staatskapelle in der Philharmonie erstmalig in Europa vor. Es ist ein ungemein feingliedriges, fast überzüchtetes Werk, das eins der problematischsten Momente der modernen Musik thematisiert: die Wiederholung. Die ist nämlich seit Arnold Schönberg quasi verboten und kehrt wie alles Verdrängte – dazu muss man Freud nur ein bisschen kennen – umso zuverlässiger zurück, zu mächtig ist offensichtlich das Bedürfnis nach dem Wiedererkennen von Klängen und Melodien. So ließe sich eine Semantik der Musik des 20. Jahrhunderts genau an der Frage entlang schreiben, wie Komponisten denn mit dem vertrackten Wiederholungsproblem umgehen.

Frau Mundry jedenfalls findet ihre Wiederholungsrechtfertigung in der Literatur. Federico Garcia Lorcas stimmungsvoll nächtliches Poem beginnt nämlich immer wieder mit einer suggestiven Beschwörungsformel, einem repetierten „Ich“, und analog setzt die Komponistin gleich zu Beginn eine prägnante Eröffnungsphrase, die im Verlauf des Stücks mehrfach wiederkehrt. Es ist ein Auftauchen, eine Wiederkehr und ein neuerliches Vergehen, das hier eindrucksvoll inszeniert wird, und zwar mit allen Zaubertricks der modernen Kompositions- und Instrumentationstechnik. Der Staatskapelle gelingt das virtuos orchestrierte Stück der Züricher Kompositionsprofessorin denn auch hingebungsvoll. Unterschwellig beschleicht einen aber gelegentlich die Ahnung, die poetische Aura dieses Stücks würde sich, wäre es etwas weniger detailversessen und raffiniert komponiert, noch schöner entfalten.

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