Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Erinnerungen

tönen herüber

Ganz zum Schluss, als Gidon Kremer und Martha Argerich wenige Zugaben spielen, ein bisschen Kreisler, hier ein Arpeggio, dort ein Springbogen, ein verblichen tönendes Vibrato, da ist in der Philharmonie noch einmal das besondere Aroma dieses Abends zu kosten. Wieder scheint es, als klinge nur ein einziges Instrument, dessen Saiten bald angeschlagen, dann wieder gestrichen werden. Kremer spielt stehend, die Knie in Spannung gebeugt, mit einem vibratoarmen Ton, der von äußerster Konzentration zeugt, die Geige sein winziges Hilfsmittel. Argerich sitzt, wie man nur sitzen kann, schwer, geerdet, mit großer Selbstverständlichkeit die kühlsten, sattesten Klänge aus dem Steinway aufsteigen lassend. Man hört den beiden gebannt zu und spürt, wie sie sich den eigenen Kreislauf greifen.

Deutlich weist ihr Programm auf den Widerspruch einer Gattung hin, die sich „kammermusikalisch“ nennt und derweil Raum und großen intellektuellen Atem braucht: zunächst Schumanns mächtige, sperrige, selten gespielte zweite Violinsonate mit einem dritten Satz, den Kremer wie aus der Erinnerung herübertönen lässt, fahl, heiser, mit leuchtenden Klavierklängen im Hintergrund. Danach das Ungetüm der bartókschen Violinsolosonate von 1944, gute zwei Jahrzehnte älter als seine zwischen den musikalischen Polen der Zeit lavierende erste Violinsonate: Gläserne Arabesken umranken den Anfang des ersten Satzes, expressionistisches Toben und Säbeln bestimmt sein Ende. Und mittendrin die rasch, ja attacca aneinandergereihten „Kinderszenen“ Robert Schumanns.

Argerich zaubert nicht, sie spielt, nicht mehr und nicht weniger. Aber das ist herrlich. Gleich in den Anfangsapplaus hinein tönen die zarten Akkordbrechungen der „Fremden Länder und Menschen“. Mit herzhaftem Zugriff die „Curiose Geschichte“, galoppierend die „Wichtige Begebenheit“, impressionistisch transparent das schnurgerade F-Dur der „Träumerei“, vor der man sich fast gefürchtet hatte, weil sie so exzessiv gebrauchsgespielt wird. Das Schlussstück „Der Dichter spricht“ aber wird zerhustet. Sehr viele Menschen sind an diesem Abend gekommen, obwohl sie besser zu Hause über einem Kamillenbad hätten entspannen sollen.

POP

Stimmbänder

leiden

Für die britischen Musikmedien sind The Long Blondes das next big thing, aber über den Ärmelkanal schwappt der Hype bislang nur als leichte Dünung: Bei der Popkomm spielten sie noch vor spärlicher Zuhörerschaft, nun ist der Magnet Club immerhin gut gefüllt. Dennoch ist die Stimmung merkwürdig verhalten, als das Quintett aus Sheffield mit drei Hits des kürzlich erschienenen Debütalbums loslegt. Dabei sind „Lust In The Movies“, „Weekend Without Makeup“ und „In The Company Of Women“ so etwas wie die Quintessenz der Band: Krachende, präzise Gitarrenrock-Ohrwürmer im Geiste des Post-Punks der späten Siebziger mit selbstreflexiven Texten über Frust und Freuden des Jungseins in der britischen Provinz.

Sängerin Kate Jackson legt sich mächtig ins Zeug. Ohne Rücksicht auf ihre Stimmbänder flüstert, faucht, gurrt und schreit sie sich durch die Songs und erinnert dabei an Debbie Harry und Siouxsie Sioux. Noch besser wird’s, wenn sie sich mit Bassistin Reenie Hollis und der großartig gelangweilt schauenden Gitarristin Emma Chaplin zu kreischsägenschrillen Gesangssätzen zusammentut, die an Nervensägen-Girlpunks wie X-Ray Spex oder The Slits denken lassen.

Die Jungs in der Band, Drummer Screech und Leadgitarrist Dorian Cox, erledigen ihren Job angenehm unprätentiös. Eigentlich sollte der Laden also brodeln und alles durcheinanderhüpfen, aber der Funke springt selbst dann nicht richtig über, als Kate Jackson bei „Once And Never Again“ den Refrain in improvisiertem Deutsch singt. Nach einer unterhaltsamen, gelegentlich mitreißenden Dreiviertelstunde scheinen sich Ernüchterung und Begeisterung im Publikum die Waage zu halten. Schade, man hätte mehr erwartet. Jörg Wunder

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