Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

FILM

Komm doch

zurück

Einfach hinschmeißen. Weggehen. Das ganze „System“ aus Jobsuche, Arbeitsamt, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe verlassen, diese einzige große Demütigung der modernen Arbeitswelt. Man kann auch ohne Auto leben, ohne Wohnung, Strom und Geld. Kann man wirklich? Das neue Prekariat in Frankreich sucht nach einem Ausweg. Cheyenne (Mila Dekker) zum Beispiel, dunkellockig, eigensinnig, einst erfolgreiche Pariser Journalistin, nun Radikalverweigerin, zieht in einen Wohnwagen auf dem Land, hackt Holz, angelt, jagt Kaninchen, wäscht sich in der Regentonne. Nicht das bequemste Leben, zumal es Winter ist und kalt, aber: ein mögliches Leben. Und frei. Da ist nur ein Problem: Freundin Sonia (blond und sanft: Aurélia Petit) will nicht mit. Die passionierte Lehrerin hängt an den kleinen Bequemlichkeiten des Lebens, der geheizten Wohnung, dem Wagen, der Stadt und ihren Schülern, denen sie noch nicht einmal eine Zukunft versprechen kann. Beziehungen sind schon an weniger gescheitert. Looking for Cheyenne (im Xenon-Kino, OmU), der Debütfilm von Valérie Minetto, ist nur oberflächlich eine lesbische Liebesgeschichte, zwei, die sich das Leben so schwer wie möglich machen aus Stolz und Eigensinn, fremdgehen, versuchen, einander zu vergessen, und dann passionierte Liebesbriefe schreiben: Komm doch zurück. Eher ist es der Kampf zweier Lebensentwürfe: Verändert man das System von innen oder außen? Reibt man sich an der Alltagsfront auf oder steigt man gleich aus, radikal? Schwer zu entscheiden, wer von beiden die größere Idealistin ist. Am Ende ist die stille Sonia die stärkere, und die heimliche Hauptperson. Als sie frustriert ihre Schüler auf die Straße schickt, Kinder, ihr habt doch keine Chance, weiß man: Hinschmeißen ist doch keine Lösung.

ROCK

Bleib doch

dabei

Es war ein magischer Moment – damals vor 25 Jahren. Manuel Göttsching kam von einer Tournee zurück nach Berlin und war noch immer in Konzertstimmung. Also improvisierte der Gitarrist der Krautrock-Band Ash Ra Tempel eine Stunde lang mit Sequenzern und Drum-Machines in seinem Heimstudio – und ließ zum Glück ein Band mitlaufen. Quasi nebenbei war ihm ein Pionierwerk der elektronischen Musik gelungen, House bevor es House gab: „E2-E4“, benannt nach einem Zug beim Schach, wurde inzwischen unzählige Male geremixt und gesamplet. Live gespielt hat Göttsching seinen Klassiker bisher erst zweimal: letztes Jahr in einer Akustikversion mit dem Zeitkratzer-Ensemble und diesen Sommer vor 20 000 Zuschauern in Japan, dem Land seiner größten Fans. Einige von ihnen sind auch nach Berlin gereist, um beim Jubiläumskonzert im ausverkauften Berghain dabei zu sein. Dass der Technoclub der angemessene Ort für dieses Ereignis ist, zeigt sich am überwältigenden Sound und am Publikum: Das markante, zweiakkordige Synthie-Motiv wird jubelnd begrüßt, genau wie der Beat und die Bassline. Jede Spur ist ein neuer Glücksfunken. Göttsching sitzt tief in seinen Laptop gebeugt auf der kleinen Bühne. Schon das digitale Equipment signalisiert, dass es ihm nicht darum geht, eine Kopie seines analog aufgenommen Meisterwerks zu schaffen. So spielt der 54-Jährige eine leicht renovierte Version mit härteren Beats und einigen anderen Samples. Geblieben ist der wunderbare Klang seiner Gitarre, die er sich nach einer halben Stunde umschnallt. Die Wärme seines Spiels hat großen Anteil am Zauber von „E2-E4“ und unterscheidet ihn von nüchterneren Zeitgenossen wie Kraftwerk. Und so ist man nach Göttschings Auftritt erfüllt von einem pulsierenden Kopfglimmen, dem auch die kalten Zähne der Nacht nichts anhaben können. Nadine Lange

FOTOKUNST

Spring schon

ab

Wer Fotos mit dem Blick erkundet, kann an der Oberfläche bleiben oder in die Tiefe dringen. Genau das verbindet das Medium Fotografie mit dem Wasser: dass man es flüchtig betrachten kann, aber nicht hineinspringen muss. Julia Baier hat erstmals 1999, während ihres Fotografiestudiums in Bremen, ein Schwimmbad zum Sujet gemacht. Ihre Schwarzweiß-Serien bei imago fotokunst sind Wasserlichtspiele aus Leidenschaft (bis 22. Dezember, Auguststr. 29c, Di bis Fr 12–19, Sa 14–18 Uhr). Das Wasser verbindet auch in der Ausstellung weit entfernte Orte miteinander. Die Fotografin war nicht nur in europäischen Bädern für ihren Zyklus Die öffentliche Badeanstalt unterwegs, sondern würdigt auch das „Sento – das japanische Badehaus“ mit seiner intimen Atmosphäre zwischen asiatischer Wohnküche und Frisiersalon. Eindrucksvoll lässt sie die Bildebenen ineinanderfließen. So streicht vorne eine Katze durchs Bild, während sich hinter einer Glasfront Japanerinnen unter niedrigen Brausedüsen verrenken. Auch die Schwimmbad-Bilder, die in Paris, Hamburg oder Karlovy Vary entstanden sind, stecken voller Geschichten. Die verrücktesten entstanden am Sprungbrett. Riesenfüße bedrohen einen schwimmenden Winzling – weil die Kamera so schön lügen kann. Jens Hinrichsen

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