Kultur : KURZ & KRITISCH

Hendrik Lakeberg

KUNST

Schach ist

kein Killerspiel

1924 zur Hochphase der Bauhaus-Bewegung schrieb ein Kritiker des Leipziger Tageblatts über das Bauhaus-Schachspiel von Josef Hartwig : „Eine gewaltige Überraschung steht bevor: die Entmilitarisierung des Schachspiels.“ Statt als Kriegssimulation inszeniert Hartwig Schach als abstraktes Verstandesspiel. Selbst 80 Jahre später befremden der Funktionalismus und die formale Strenge seines Entwurf noch auf den ersten Blick. Auf den zweiten jedoch wirkt er einleuchtend: Der Bauer, ein schlichter Würfel, die Figur des Springers ziert nur ein rechwinkliges L und den Läufer markiert ein breites X. Form folgt der Funktion. Erstmalig präsentiert das Bauhaus-Archiv (Klingelhöferstr. 14, bis 5. Februar) Stücke aus der Schenkung Dora Hartwig . Josef Hartwigs Tochter überließ dem Museum große Teile der Sammlung ihres Vaters, der Werkmeister für Holz- und Steinbildhauerei im Bauhaus Weimar war. Darunter auch das Schachspiel. Flankiert wird es von Druckgrafiken der Sammlung. Von Klees anarchischer Lithografie „Vulgäre Komödie“ über Schlemmers modernistische Körperstudien und einem Druck von Beckmanns „Apokalypse“, die er 1943 heimlich drucken ließ – die einzelnen Exponate sind trotz der großen Namen nicht mehr als charmante Randnotizen ihrer Zeit. Im Ensemble ergeben sie jedoch ein feinsinnig kuratiertes Porträt der Kunst der zwanziger bis vierziger Jahre.

ROCK

This lady

is a Kemp

Nach unzumutbar langem Warten im Roten Salon und quälendem Vorprogramm, endlich, um halb zwölf: Rose Kemp aus Bristol. „Sister Sleep“ singt sie mit zauberhafter Folkstimme, ohne Mikrofon, ohne Gitarre, geht dabei ins Publikum, setzt sich auf die Stufen am Bühnenrand, und hat schon mit der ersten Strophe alle Wartequalen wiedergutgemacht. Die massiv staturierte Rose hängt sich eine rosa Telecaster um, hämmert massive Akkorde. Krachender Kontrast zum ruhigen Beginn. Sie singt in zwei Mikrofone. Mit einem Mikrofon loopt sie ihre Stimme zu Endlosschleifen, schichtet immer mehr eigene Stimmen übereinander zu dichten Chorsequenzen, singt durchs andere Mikrofon die Hauptmelodie. Sie faucht, kreischt und knurrt noch eine Bass-Linie ins Gemenge. Schreit ihren Zorn in die Welt, um gleich darauf wieder verhalten zu hauchen. Das sind keine albernen Posen, sondern echtes Gefühl aus tiefer Seele. Man spürt das klassische Folk- Erbe der Eltern Maddy Prior und Rick Kemp von Steeleye Span, das die 21-jährige Tochter in Verbindung mit modernen Rockelementen und wüsten Schrägeleien zu einem eigenen aufregenden Stil entwickelt hat. Sie pickt saubere, klare Akkorde aus der Gitarre und peitscht im nächsten Moment zu dreckigen Verzerrungen die langen Haare vor und zurück, wie ein wilder Heavy-Metal-Bänger. Loopt rachitischen Raucherhusten, macht ihn zum Rhythmustrack einer weiteren A-Cappella-Nummer mit traditioneller Folkmelodie. Dann wieder Lärmorgien, Feedback, Kraftakkorde. Kostproben vom Album „A Handfull Of Hurricanes“, das Anfang 2007 erscheint. Und zum Schluss, noch einmal ohne Gitarre und ohne Mikrofon: „Sing Our Last Goodbye“. Berauschend. H.P. Daniels

ARCHITEKTUR

Schönheit,

die von innen kommt

Kyoto war gestern. Der faule Formelkompromiss der Weltklimakonferenz in Nairobi zeigt, wie wichtig ökologisch nachhaltige Handlungsstrategien sind jenseits offizieller Beschlüsse. Der Architektur kommt da eine Vorreiterrolle zu, wie im Fall der Zusammenarbeit von Behnisch Architekten und Transsolar (Galerie Aedes am Pfefferberg, Christinenstr. 18-19, bis 28. Dezember). In Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen entwickelt, zeigt die Ausstellung eine schwäbische Kooperation von Architekt und Ingenieur mit internationaler Wirkung. Nicht nur bei deutschen Projekten wie der LVA in Lübeck (1997) oder dem Deutschen Meeresmuseum in Stralsund (Fertigstellung 2007) arbeiten Behnisch und Transsolar eng zusammen, um zu einer energetischen Optimierung ihrer Gebäude zu gelangen. Auch in den USA, Klimakiller Nr. 1, verwirklichen sie Projekte, von Harvard bis Cambridge. Aufgegliedert in unterschiedliche Rubriken, versucht die Ausstellung, die Aspekte einer nachhaltigen Architektur zu verdeutlichen. Dabei fordert sie allerdings die Lese- und Analysefähigkeit der Besucher heraus. Zugleich bietet sie einen Beitrag auf der Suche nach einer verantwortlichen Architektur, deren Anspruch sich nicht auf das Kostümieren von Fassaden beschränkt. Jürgen Tietz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben