Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Witz und

Widerstandsgeist

Gennadi Rozhdestvensky braucht kein Podest, um von oben auf das Orchester herabzusehen. Der 75-jährige Russe, der sein spätes Debüt beim Konzerthausorchester Berlin gibt, ist eine Autorität mit subversivem Charme. Das Notenpult auf Brusthöhe emporgeschraubt, wirft Gennadi Rozhdestvensky belustigte Blicke in die Partitur und auf die Musiker. Dabei lässt er mit provozierender Präzision den Taktstock aus dem rechten Handgelenk sausen. Ein Dirigent, der in der Sowjetunion Chefposten, etwa am Bolschoi Theater, innehatte, und dessen Liebe den schwierigen, angefeindeten Komponisten gehört. Ein Dirigent, der den Widerstandsgeist in der Musik aufzuspüren weiß. So taucht Rozhdestvensky Bartoks Suite Nr. 1 in ungewöhnlich fahles Licht. Klassizismus unter Verwendung von Folkloreeinflüssen, das klingt nach musikalischer Planerfüllung.

Wenn da nicht diese stürzenden Linien wären, die Energie, die im untertourigen Spiel anschwillt. Weit treibt Rozhdestvensky die Spannung zwischen süßen Erlösungsfloskeln und herber Trauer in Schnittkes viertem Violinkonzert auseinander. Eine Musikmontage von großem Ernst, mit Alexander Rozhdestvensky, dem Sohn des Dirigenten, als uneitlem Protagonisten. Das kurze Finale, ein grotesker Spaß: Auszüge aus Schostakowitschs „Der Bolzen“, einem Ballett um Industriesabotage, von Rozhdestvensky mit trockenem Humor ausgespielt. Nach seiner Premiere 1931 verschwand „Der Bolzen“ von sowjetischen Bühnen und tauchte dort erst kürzlich wieder auf. Rozhdestvensky lacht und zerrt den Konzertmeister mit von der Bühne. Sonst hätte das animierte Publikum im Konzerthaus Zugaben erstritten.

KUNST

Watte und

Wahrheit

Das greise Paar scheint auf ein zufriedenes Leben zurückzublicken: 1785 malte Nikolaus Lauer seine Eltern in Einzelporträts, daheim in St. Wendel. Die eigene, bewegte Lebensreise führte den Saarländer Pastellmaler (1753 bis 1824) über Umwege nach Berlin, an den preußischen Königshof. Besonders seine Porträts der Königin Luise, die seit den napoleonischen Tagen als „Preußens Retterin“ verehrt wurde, erfreuten sich großer Beliebtheit und wurden häufig nachgestochen. „Königin und Bürgerschaft. Porträts um 1800“ sind in einer Kabinettausstellung in der Alten Nationalgalerie zu sehen (bis 28. Januar, Bodestr. 1–3, Di–So 10–18, Do 10–22 Uhr) .

Lauers Biografie ist von politischen Umbrüchen geprägt: Das Übergreifen der Französischen Revolution zwang den jungen Maler am Hof Pfalz-Zweibrücken zur Flucht ins „Rechtsrheinische“. Ab 1794 entwickelte er sich in Leipzig zum Porträtisten der Bürgerschaft. Das ausdrucksvoll aus Licht und Schatten modellierte Bildnis des Leipziger Akademieprofessors Friedrich Adam Oeser von 1796 weist Merkmale des Klassizismus auf. Die hochherrschaftlichen Porträts der Berliner Jahre zeigen dagegen einen stark idealisierenden Stil mit wattig weichen Umrissen und gleichmäßiger Lichtführung: Luise und König Friedrich Wilhelm III., beide 1798 gemalt, blicken freundlich und unnahbar zugleich. 1806 kehrte Nikolaus Lauer ins Saarland zurück und schuf dort die ersten deutschen Industriellenporträts. Vier Jahre vor seinem Tod entstand ein schonungsloses Selbstbildnis mit einem von Krankheit zugeschwollenem linkem Auge. Ein tieftrauriges, erschütterndes Bild, denn das Sehen ist das Kapital des Malers. Jens Hinrichsen

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