Kultur : KURZ & KRITISCH

Hendrik Lakeberg

POP

Eulen

mit Knien

Nicht von Liebe, sondern von buddhistischer Metaphysik handelt der erste Song, den das wundersame Folk-Duo The Books am Samstag in der Volksbühne intoniert. Verschmitzt lächelnd greift Nick Zammuto in die Saiten seiner Akustik-Gitarre. Ein Sample, das klingt wie ein gluckernden Bergbach, schallt aus den Lautsprechern. Hinter Zammuto und seinem Partner, dem Cellisten Paul De Jong, flackern rhythmisch pulsierende Videos: ein Paraglider sinkt herab, eine kleine Propeller-Maschine strauchelt vor einem von Blitzen durchzuckten Himmel. Zammutos Finger gleiten mit schlafwandlerischer Sicherheit über das Griffbrett. Warme, raspelnde Celloharmonien untermalen die Dynamik der Riffs. Dann setzt Zammutos Stimme ein: samtig weich schwebt sie über dem feinnervigen instrumentalen Gewebe. Doch was Zammuto so emphatisch singt, sind anarchisch-melancholische Text-Collagen, die an den Cut-Up-Poeten William S. Burroughs erinnern. Sie tragen so humorvoll verdrehte Titel wie „Owls with knees“, Eulen mit Knien. Für den herzlichen Empfang bei ihrem zweiten Volksbühnen Konzert in diesem Jahr danken The Books als Zugabe mit dem Song „Take Time“. Das Publikum nimmt sich Zeit für Standing Ovations.

KLASSIK

Ey, Liebeskummer

lohnt sich echt nicht

Das ist eins von diesen Projekten, die auf dem Papier unheimlich hip aussehen: Drei Solo-Kantaten von Georg Friedrich Händel, ineinander verschränkt zu einer neuen Geschichte über einsame Frauen; dazu wird getanzt, es musizieren Barockspezialisten, kontrapunktiert von Soundcollagen eines DJ; und das ganze findet im Radialsystem statt, dem neuen In-Ort der hauptstädtischen Off-Szene. Kein Wunder, dass die Bundeskulturstiftung großzügig Fördergeld für Waiting Room überwiesen hat. Leider bewegt sich Regisseur und Choreograf Derek Gimpel bei der Umsetzung gedanklich auf Teenagerniveau. In ihrer WG mit Retromöbeln (Bühne: Ralph Jansen) bekämpfen Arminda, Clori und Lucrezia, Händels antike Heldinnen, ihren Herzschmerz wie Seifenoperngirls: Zieh dir ’nen bunten Pulli über und vergiss den miesen Kerl, tanz zum Bollywoodbeat, denn, ey, Liebeskummer lohnt sich echt nicht.

Das ist das Schöne an Crossoverprojekten mit Klassik: Wer ein modischer Schaumschläger ist, wird von den Größen der Musik gnadenlos enttarnt. Die Akademie für Alte Musik weiß unter Christopher Moulds unendlich viel mehr vom Gefühlsleben der Gedemütigten, zeigt mit expressivem Furor, wie bewegend und experimentell dieser Händel ist, voll harmonischer Bizarrerien und klangfarblicher Überraschungen, dem optischen Arrangement so haushoch überlegen wie die Profitänzerin Szu-Wei Wu den Bewegungstanzbemühungen der Sängerinnen Deborah York, Ruth Sandloff und Renata Pokupic (weitere Aufführungen am 19. u. 20. Dezember). Frederik Hanssen

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