Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Ruhe

für die Mitte

Es ist ein zweifelhafter Sport geworden, die vier Orchestersuiten von Bach so schnell zu spielen, dass sie auf einer CD Platz finden. Lior Shambadal hat zum Glück die Ruhe weg: Mit den Berliner Symphonikern bietet er auch die flotteren Tanzsätze so dar, als würden die walzenden Paare von Samtroben und Perücken aufs Parkett gedrückt. Eine bedächtige Lesart, die zwar auf Dauer Langeweile produziert, aber Gelegenheit bietet, auf Details der von Bach übergenau durchgearbeiteten Mittelstimmen zu achten. Doch der raffiniert gedachten Programmkonzeption wird Shambadals Ansatz nicht gerecht. Denn eigentlich sollten die Orchestersuiten mit den in das Programm montierten Orgelsätzen aus Messiaens „La nativité du Seigneur“ in weihnachtliche Beziehung treten. Während Organist Ulrich Pakusch die Verkündungsengel launig durch die Philharmonie flattern lässt und auf diese Weise die barock-anschauliche Seite in der Musik des Avantgardisten Messiaen herauskehrt, gehen die eingesprochenen Orchesterkommentare am Thema vorbei.

ARCHITEKTUR

Fluss

auf dem Dach

Es war eine späte Rückkehr: Mit der Gartengestaltung der Kanadischen Botschaft am Leipziger Platz arbeitete Cornelia Hahn Oberlander 2005 erstmals in der Stadt ihrer Kindheit. Zusammen mit ihrer Familie hatte sie Berlin 1938 in Flucht vor den Nazis verlassen. Nach dem Studium bei Walter Gropius in den USA stieg sie in Kanada zur führenden Freiraumgestalterin des Landes auf. Einen Überblick über ihre Arbeit bietet nun eine vom Goethe-Institut Montreal erarbeitete Ausstellung mit Bildern der Fotografin Etta Gerdes (Deutsches Architekturzentrum, Köpenicker Straße 48/49, bis 7. Januar, Katalog Callwey Verlag, 34 €). In geschwungenem Lauf zieht sich ein stilisierter Mackenzie-River auf dem Dach der Botschaft entlang und holt so eine Erinnerung an die kanadische Landschaft nach Deutschland. Besonders anschaulich wird Hahn Oberlanders Konzept bei der Freiraumgestaltung beim Robson Square in Vancouver, der für die Bewohner ein Stück Natur in die Stadt zurückholt. Unterschiedliche Ebenen samt Wasserfall schaffen eine grüne Oase mit hoher Aufenthaltsqualität. Jürgen Tietz

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