Kultur : KURZ & KRITISCH

Julius Hess

FOTOGRAFIE

Wie uns

die Zeiten ändern

Eine junge Frau sitzt an einer Nähmaschine und lächelt in die Kamera. Die Nähmaschine ist vom Kombinat Textima, auf dem Gerät prangt der Aufkleber: Wir sind ein Volk. Die junge Frau trägt Arbeitskleidung, genau so wie ihre Kolleginnen im Hintergrund des Fotos. VEB Herrenbekleidung heißt der Betrieb. „Es war nicht mehr die DDR, aber noch nicht die BRD“, erinnert sich die Fotografin Angelika Kampfer. 1990 ist die Österreicherin mit ihrem Kollegen Ewald Hentze durch die DDR gefahren. Dort haben sie Menschen bei der Arbeit fotografiert. 1992 kommen sie wieder, um dieselben Menschen noch einmal zu fotografieren. Die junge Frau, Ines Stichmüller, arbeitet jetzt bei Fluolite Licht und Leuchten. Kampfer fotografiert sie in einer Lagerhalle beim Verpacken. Auf Kisten steht „Systemtechnik“ oder „fragile“. 2004 kehren die Fotografen ein drittes Mal zurück. Vieles hat sich verändert, manche der vorher Fotografierten sind arbeitslos oder aus der Region weggezogen. Ines Stichmüller hat jetzt kurze Haare. Sie sitzt vor einem Schreibtisch, darauf ein Computer, Topfpflanzen, Zettel. Sie ist jetzt Angestellte. Lekkerland-Tobaccoland heißt der Betrieb.

Näherin, Verpackerin, Angestellte: Soziale Flugbahn nennt das der Soziologe Pierre Bourdieu. Wenn ein Staat untergeht, werden soziale Flugbahnen verbogen oder brechen ab. 24 Lebensläufe sind in der Ausstellung Übergänge. Biographien zwischen DDR und Bundesrepublik Deutschland im Deutschen Historischen Museum zu sehen (bis 28. Februar). Das Konzept der Vorher-Nachher-Bilder wird ins Soziale übertragen. Nebenbei zeigt das Fotoprojekt, wie sich Produktdesign, Frisurenmode oder Kleidungsgeschmack verändert haben. Auf einem Foto der ersten Serie lässt sich eine Frau im BH beim Kühetreiben fotografieren. 2004 präsentiert man sich lieber bieder im Wohnzimmer.

KLASSIK

Aufmerksame

Gastgeber

Interessante Gäste, die der Philharmonische Chor Berlin unter Jörg-Peter Weigle für Händels „Messias“ in die Philharmonie geladen hat: Sopran Katherina Müller besitzt die brillante Höhe einer Nachtigall, die Stimmführung in der Mittellage bietet aber auch Allzumenschliches. Doch wo immer es ihr gelingt, beide Register sanft zu verbinden, entsteht eine Kreuzung aus beiden Wesen: ein Engel. Sandra Firrincieli nimmt sich für ihre Altpartie die Schönheit griechischer Statuen zum Muster: edel, klar in den Linien, aber auch etwas unnahbar. Lothar Odinius setzt nicht allein auf seinen tenoralen Glanz, sondern berührt auch mit intimem Textvortrag. Bass Wolf Matthias Friedrich durchlebt das Oratorium dagegen mit ungefilterter Emotion: die Schuhspitze wippt das Oratorium hindurch, wie losgekettet wirft er sich in seine Soli. Das irritiert, doch sollte das Äußere nicht davon ablenken, dass Friedrich seine Partie nicht nur emotional packend, sondern auch mit einer Fülle von intelligenten gestalterischen Einfällen darbietet.

Die Batzdorfer Hofkapelle versemmelt in ihrer Hochspannung zwei einsame Akkorde – und liefert ansonsten mit plastischem, hochbeweglichen und sensiblem Spiel eine musikalisch blitzsaubere Visitenkarte ab. Und der Chor? Er ist eigentlich viel zu groß besetzt. Doch dass er bereit ist, natürliche Stärken wie etwa sein packendes symphonisches Forte zu opfern, um sich dafür dem Originalklangensemble möglichst beweglich anzupassen, zeigt den aufmerksamen, lernbegierigen Gastgeber. Carsten Niemann

KUNST

Halbgötter

in Silber

Er stützt sich auf einen Stab, um den sich eine Schlange ringelt: Die Marmorstatue im Pergamonmuseum zeigt den Heilgott Asklepios, wie ihn die meisten kennen. Am selben Ort widmen sich Münzen, Siegelringe und andere Kleinkunstwerke der wahrhaft prägenden Gottheit. Denn noch heute verstehen sich Ärzte als Söhne des Asklepios. Die Ausstellung des Münzkabinetts lautet deshalb Asklepios und seine Familie (bis 30. Juni). Warum werden die Münzsammlungen der Museen unterschätzt? Vielleicht, weil die Exponate den „Peanuts“ im Portemonnaie der Besucher ähneln. Auf den zweiten Blick erweisen sie sich als minutiös gearbeitete Kleinreliefs und kulturelle Speichermedien aus Edelmetall. In der Asklepios-Sonderausstellung sind es die 50-Cent-großen Bronzemünzen aus Thessalien, die auf den Beginn des Heilgottkultes verweisen. Während einer Pestepidemie 293 v. Chr. wurde der Gott als „Aesculap“ schließlich nach Rom importiert. Gut viereinhalb Jahrhunderte später ließ Kaiser Marc Aurel eine prachtvolle Goldmünze prägen. Sie zeigt einen Hirten, der das im Gebirge ausgesetzte Asklepioskind birgt – den Sohn einer Sterblichen und des Apoll. Preußischen „Halbgöttern in Weiß“ widmen sich die jüngsten Stücke im Münzkabinett. Der Graveur Johann Veit Döll (1750–1835) dankte 1820 mit einer Silbermedaille für ärztliche Rettung: Mit herrischer Geste weist Asklepios eine Schicksalsgöttin in die Schranken. Wer mehr über den Heilgott oder über Wunderheilungen in der Antike erfahren will, kann am Medizinhistorischen Museum der Charité weiterforschen (dort bis 11. 3.). Jens Hinrichsen

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