Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Wie Gewölbe

klingen

Wer sich dafür interessiert, wo Klassik- Aufnahmen entstanden sind, kennt die Dahlemer Jesus-Christus-Kirche . Seit fast sechs Jahrzehnten wird der Backsteinbau als Tonstudio genutzt. Von Furtwängler über Karajan bis zu Rattle und Nagano haben hier alle Großen gearbeitet. Als Gratulanten zum 75. Jubiläum der Kirche wollten diverse Berliner Ensembles auch mal ohne den üblichen Wald aus Mikrofonständern Musik machen. Für das Publikum eine großartige Gelegenheit, die außergewöhnliche Akustik des Sakralgebäudes einmal live zu erleben. Unter den Neugierigen war am Freitag auch der regelmäßige Dahlemer Gottesdienstbesucher Horst Köhler zusammen mit seiner Frau, die die Patenschaft des Benefizabends zugunsten der kirchlichen Jugendarbeit übernommen hatte.

Hector Berlioz dürfte sein weihnachtliches Oratorium „L’enfance du Christ“ selbst wohl nie unter derart perfekten Bedingungen gehört haben: So klar die Architektur der Hallenkirche, so hell und transparent ist ihr Raumklang, ideal für französische Musik. Als bekennender Berlioz-Liebhaber zeigte Sir Roger Norrington alle Seiten der multiplen Komponistenpersönlichkeit, arbeitete mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und Ralf Lukas als Herodes die theatralischen Momente plastisch heraus, fand mit Yvonne Naef und Gilles Cachemaille als Maria und Josef bewegende Herzenstöne für das Elend der Flüchtlingsfamilie, hatte in Mark Padmore einen noblen Erzähler und mit dem Rias-Kammerchor die leibhaftigen himmlischen Heerscharen zur Seite.

FOTOGRAFIE

Was Falten

erzählen

Hoch über den Dächern Berlins thront Maria Unger, keck ragt ihr Hut in den Himmel. Der Wind zerrt am Barockkleid, am grazilen Schirm in ihrer Hand. Das wild-romantische Bild einer 90-Jährigen hat die Hamburger Modefotografin Esther Haase in Szene gesetzt. Es sind poetische Bilder, oft in dunklen Tönen, oft unscharf. Die Models stechen hervor, mit ihrem Glamour, ihrem Schalk. Mal in Pink, halbnackt oder als Boxer im Ring – immer schön. Jedes auf seine Art. „Was heißt hier alt?“, steht neben einer Fotografie. Wie erotisch das Alter sein kann, welche Geschichten die Falten in einem Gesicht erzählen könnten, kurz, wie wenig Schönheit mit Jugend zusammenhängt, zeigt die Ausstellung Seltene Momente von Echtheit . Esther Haase, sonst Modefotografin, arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit dem Berliner Alten-Pflegedienst Jahnke zusammen. Gemeinsam geben sie jedes Jahr einen Kalender heraus – die Models sind allesamt Patienten. Sie posieren lasziv, herausfordernd oder nachdenklich. Eine Auswahl ist derzeit im Willy-Brandt-Haus zu sehen (Wilhelmstr. 140, bis 14. Januar). Juliane Schäuble

POP

Wie Tracks

entstehen

Die emblematischen Versatzstücke seiner Vergangenheit legt er nicht ab: Jayceon Terrell Taylor alias The Game betritt die Bühne des Columbia Clubs , vermummt mit rotem Halstuch, dem Erkennungsmerkmal der Straßengang The Bloods. Vor fünf Jahren wurde der Drogendealer aus Compton, L. A., von Rivalen in den Bauch geschossen, erfuhr seine Läuterung durch Hip-Hop, wurde vom Produzenten Dr. Dre entdeckt und weltberühmt. Heute Abend soll sich die Erzählung vom Aufstieg in eine wilde Party verwandeln. The Game reißt sich das Tuch von der Nase, seine Gesichtszüge entspannen, und er startet seine furiose Show. Ausdauernd schickt er seine Reime über die wogenden Beats und über die etwas zu leise gedrehten Hooks. Die Stücke aus seinem aktuellen Album „Doctor’s Advocate“ fallen kaum zurück hinter dem Debüt. Als die erste Single „How We Do“ vorgetragen werden soll, die im Duett mit dem Rapper 50 Cent entstand, gerät das Konzert ins Stocken: The Game muss erklären, wie es zum dramatisch inszenierten Zerwürfnis mit 50 Cent kam (Lappalien), muss lästern, schimpfen, wüten – um letztlich doch die Hymne der Underdogs anzustimmen. Es folgen Schampusschauer auf die überwiegend männlichen Fans, Gedenkminuten für tote Idole wie 2Pac, ein Scratch-Solo des DJs, das allerdings – Betrug! – größtenteils vom Band kommt, und ein Finale, in dem die Game-Doppelgänger aus dem Publikum die Bühne entern. Daniel Völzke

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