Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Im Zweifel für

den Librettisten

Ausgerechnet das „Halleluja“ ist der gefährlichste Moment ehrgeiziger Messias-Interpretationen. Selbst Nikolaus Harnoncourt, der Altmeister der historischen Aufführungspraxis, scheiterte jüngst, als er dem Hit durch verkrampfte Temposchwankungen neue Facetten abzutrotzen suchte. Von Profilierungsstreben ist auch Hervé Niquet, der am Neujahrstag vor Rias-Kammerchor und Akademie für Alte Musik steht, nicht frei. Der in Frankreich und Kanada gefeierte Alte-Musik-Spezialist verweigert dem Publikum in der Philharmonie das mitreißende Pathos, lässt den Chor im piano beginnen und zögert das enthemmte forte bis zu den letzten Takten heraus. Kaum vorstellbar, dass sich der englische König – wie historisch verbürgt – zu so etwas spontan von seinem Sitz erhoben hätte. Und dennoch wirkt das, was Niquet tut, musikalisch wie historisch schlüssig begründet. So rückt er die jubelnde Masse deswegen deutlich nicht in den Vordergrund, weil ihm die Schlüsselworte „Lord“ und „King“ wichtiger sind: Begriffe, die für Händels Librettisten Charles Jennens im Vordergrund standen. Im Streit zwischen dem Komponisten und Jennens, der Händel bei aller Bewunderung gar „Mord an den gedruckten Worten“ vorwarf, schlägt sich Niquet im Zweifel auf die Seite des Librettisten: Seine Interpretation setzt auf detailreiche Bildhaftigkeit statt auf Theaterinstinkt, auf theologische Raffinesse statt allzu bürgerlich-individualistisches Mitfühlen mit dem Helden des Oratoriums. Die Brillanz, mit der Niquet seine These umsetzt, begeistert selbst manchen, den die Aufführung emotional nicht vom Hocker reißt.

THEATER

Ein Käfer

macht sich frei

Gregor Samsa wird über Nacht zu einem „ungeheueren Ungeziefer“. In seiner Erzählung „Die Verwandlung“ analysiert Franz Kafka mit bestechender Logik, was daraus folgt. Der Familienverband, in dem Gregor lebte, wird gesprengt, Abhängigkeiten verändern sich erst allmählich, dann durchgreifend, das Ungeziefer krepiert schließlich. Nun darf die heiratsfähige Schwester einen Mann suchen und „ihren jungen Körper“ dehnen. Am Theater an der Parkaue deutet Regisseur Carlos Manuel Kafkas 1915 erschienene Geschichte eigenwillig – als Ausbruchs- und Befreiungsversuch eines jungen Menschen, der die ihm aufgezwungene Rolle des braven Familienernährers satt hat. Gregor Samsa, als Käfer, steigt aus, die Seinen müssen sich nun selber kümmern. Also gibt es gar keine Verwandlung: Denis Pöpping, ein sportgestählter, bewegungsfreudiger junger Mann, braucht bloß etwas Farbe und einen fellartigen Umhang, um in die neue Dimension des „Ungeziefers“ zu schlüpfen. Carlos Manuel interessiert, wie eine Welt umgebaut wird, wie neue räumliche Perspektiven entstehen, wie das Licht der Freiheit aufscheint und wieder verglüht. Ein weißes, vertieftes Viereck deutet Samsas Zimmer an, begrenzt von einem Stangengerüst, an dem mit bunten Tapeten beklebte Baumarktbretter unterschiedliche Räume und Verstecke ergeben (Bühne Fred Pommerehn). In der Unruhe der sportlichen Bewegungsabläufe behauptet sich Pöpping als Gregor Samsa, freundlich, nachdenklich, überlegen, staunend über sich und die anderen. Diese aber haben kaum Gestaltungsspielraum. Dass da einer sich verweigert und auch musikalisch seinen Träumen nachhängt, ist dem Regisseur am wichtigsten. (Wieder am 15. Januar, 18 Uhr, und am 17. Januar, 10 Uhr). Christoph Funke

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