Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Blech

statt Böller

Wer das Neue Jahr mit kraftvollen akustischen Akzenten begrüßen möchte und dabei dennoch nicht auf Kultiviertheit verzichten mag, ist beim Neujahrskonzert des Weltblech-Blechbläserensembles gewöhnlich an der richtigen Adresse. Bereits zum elften Mal haben sich die ehemaligen Mitglieder des Jeunesses Musicales Weltorchesters im Kammermusiksaal der Philharmonie zum musikalischen Jahresbeginn zusammengefunden. Mit Böllern ist ihr Konzert in diesem Jahr allerdings sparsamer garniert als in vergangenen. Dass den Abend sogar eine gewisse Verhaltenheit durchzieht, liegt dabei weniger an der Schwermut des „ungarischen“ Programms, sondern auch daran, dass die Musiker nicht immer zu letzter rhythmischer Präzision finden. Zudem ist die Qualität der Arrangements unterschiedlich: während Brahms erster ungarischer Tanz in der Version von Steven Verhaert zu dumpf und posaunenlastig daherkommt, imitieren die Musiker mit der Liszt’schen Fassung von Bachs Fantasie und Fuge g-moll im Arrangement von Walter Ratzek auf reizvolle Weise pompös-prunkende Kirchenorgelklänge. Höhepunkte aber sind die bewusst introvertierten Momente: Mit weichen Kantilenen und aufmerksamem Zusammenspiel versöhnen die Musiker ihr Publikum mit den zeitgenössischen Klängen von Zsolt Durkós Sinfonietta. Und diskret begleiten sie den Schlagzeuger Barry Jurjus in drei Stücken von Ferenc Snétberger: Mit seinem hoch sensiblen Spiel auf dem Metallophon stellt er eine neuartige Legierung mit dem Blech her, die in ihrer biegsamen Zartheit eine echte Alternative zu den Gitarrensaitenklängen der Originalversion bietet.

KLASSIK

Spaß

statt Spenden

Gleich zwei Jugendorchester gründete der Dirigent Andreas Peer Kähler Anfang der achtziger Jahre in West-Berlin: das Sibelius-Orchester und wenig später die Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie , die Kähler bis heute künstlerisch leitet. Beide haben seither alle Untiefen der hauptstädtischen Kulturförderung überstanden. Mit wesentlichen Zuschüssen indes rechnet die Jugend-Philharmonie schon lange nicht mehr, obwohl der Verein mit seiner professionellen Fortbildung von Musikstudenten aus ganz Europa erheblich zur Strahlkraft der Musikerausbildung in Berlin beiträgt – ohne selbst als Institution in Erscheinung zu treten. Doch auch private Spenden flossen zuletzt nicht üppig, und so blieb lange Zeit ungewiss, ob das einunddreißigste Programm mit Werken von Sibelius und Schostakowitsch überhaupt stattfinden könne – so ungewiss, dass Brandreden und Appelle das Konzert in der Philharmonie einrahmten.

Im Angesicht solcher existentieller Unwägbarkeiten war es ein Risiko, sich einem Werk wie Schostakowitschs fünfter Symphonie zu nähern. Obwohl die jungen Musiker die anspruchsvolle technische Faktur gewissenhaft bewältigten, gelang es nicht immer, dem weit ausgreifenden Erzählfluss sowie der inwendigen Dramatik, die dieses Werk besitzt, Geschlossenheit zu verleihen. Doch für die Gesamtleistung und vielleicht noch in Erinnerung an eine zuvor erklungene kunst- und werkgerechte Bigband-Fassung von Sibelius’ „Lemminkäinen zieht heimwärts“ (Arrangement und Leitung: Achim Rothe) dankte das zahlreich erschienene Publikum am Ende zu Recht mit Begeisterung. Matthias Nöther

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