Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

OPER

Schulwissen und

Familienhölle

Sechs Mal hat Achim Freyer bisher Mozarts „Zauberflöte“ auf die Bühne gebracht. Ende 2005 entstand mit seinem Freyer-Ensemble die eigenwilligste und imaginativste Version, die nach der Premiere an der Oper Mannheim und einer Reihe von Gastspielen jetzt auch für einen Abend der Komischen Oper ein volles Haus bescherte. Ausgangspunkt dieser comicartigen Fantasie über die Zauberflöte , in der alles da ist, aber traumhaft fragmentiert, verschoben und verdichtet, ist die vierhändige Klavierbearbeitung der Oper von Alexander von Zemlinsky, von Dennis Russell Davies und Maki Namekawa feinsinnig musiziert. Der Flügel steht auf der Bühne, gespielt wird gewissermaßen im Wohnzimmer, und so besteht denn auch die Wildnis, in die hinein sich Prinz Tamino verirrt, aus den alltäglichen Verstrickungen einer grotesken Familienhölle. Die Vernunft wohnt in der Küche, die Weisheit steht als abzufragendes Schulwissen im Bücherregal, und die Natur dient vor allem dazu, für den Kochtopf hergerichtet zu werden. Die Figuren sind in sechs Darstellern konzentriert, Pamina als Objekt vielfacher Begierden tritt gar nur als misshandelte Puppe in Erscheinung. Auf ausgefuchste Weise gelingt es Freyer und seinen sicher aufeinander eingestimmten Akteuren, das Werk zu vergegenwärtigen und Späße damit zu treiben, die manchmal auf ein Schlagwort ausgedünnten Gesangstexte in die Pantomimen hineinzuplatzieren, die eine oder andere Gesangslinie ausnahmsweise nachzuzeichnen. Die Komik, die aus der Überlagerung von Opernhandlung und Familienritualen entsteht, zeigt allerdings auch ihre Grenzen, bevor Freyer am Ende mit einem grotesk-gruseligen Finale in Papagenos Amoklauf auf einer plötzlich von kleinen gierigen Papagenos und Papagenas bevölkerten Bühne ein überraschender Theater-Coup gelingt.

SHOW

Görenschnattern und

Operntremolo

Der Weg ist weit und schön. Er führt durch eine Welt der Melodien, die von sieben virtuosen Opernsängerinnen bereitet wird. Mal als verspielte Kätzchen, mal als schnatternde Hausweiber und mal als aufgewühlte Gören verzaubern sie ihr Publikum im Tipi . Die nach großem Erfolg im Spätsommer 2006 wiederaufgenommene Eigenproduktion Human Voices ist eine Reise durch die verschiedensten Genres der Musikgeschichte. Oper, Pop, Rock, Swing und Funk – es gibt kaum etwas, das der Abend nicht verschmelzen würde. Auf eine Puccini-Arie folgt Carol Kings „Natural Woman“, auf George Gershwin Nina Hagen und Giuseppe Verdi. Die Sängerinnen Janet Williams und Fabienne Jost spielen leicht und leidenschaftlich mit der Musik. Aber nicht nur sie überzeugen, die gesamte Produktion, von Uli Sigg sparsam dekoriert und mit Videos angereichert, ist ein kurzweiliges Vergnügen. Regisseur Pepe Danquart, sonst im Kino zu Hause, hüllt die Protagonistinnen seiner ersten Bühnenproduktion in weiße Seidenkleider und lässt sie scheinbar durch das Zelt schweben. (Noch bis 4. Februar zu sehen.) Christian Tretbar

NEUE MUSIK

Drachenflug und

Ameisentöne

Vor allem ist Scott Wheeler unglaublich vital. Kaum ein Moment vergeht im Kammersaal der Philharmonie , in dem die Musiker des DSO nicht geschäftig seine Töne repetieren, kleine Motivfiguren aneinanderreihen würden. Wie fleißige Ameisen transportieren sie kleine Tonzellen hin und her. Und die moderat dissonanten Klanggewebe, die Scott Wheelers Klavierquartett „Dragon Mountain“ prägen, klingen so, wie sie mit irischen Weisen versetzt sind, zunächst auch delikat, der musikalische Drachenflug macht sogar Spaß. Nach zehn Minuten hat man dann aber doch den Faden verloren, und schlimmer: Eine erste Ahnung, dass alle Stücke des 1952 in Washington geborenen Komponisten so klingen, beschleicht die Hörer.

Und sie werden Recht behalten. Nie verstören in dieser Musik mal Ecken und Kanten. Der 54-jährige Wheeler, Professor am Emerson College in Boston und derzeit Gast der American Academy, beherrscht sein kompositorisches Handwerk, hat nur nicht den Mut, sein musikalisches Material aus den Gefilden gehobener Filmmusik herauszuheben. Und fährt damit in der amerikanischen Musikszene nicht schlecht. Zurzeit arbeitet er an einer Oper für die Metropolitan Opera in New York. Dass mit Kent Nagano, nachdem Wheeler zwei seiner Werke selbst dirigiert hat, noch ein Stardirigent für die Uraufführung der „City of Shadows“, eines Auftragswerks des DSO, sorgt, verleiht diesem Abend auch keinen zusätzlichen Glanz. Ulrich Pollmann

ARCHITEKTUR

Geschenkkartons und

Eternitfassaden

Ein bisschen Bartresen, ein bisschen Geschenkkarton, so stapeln sich graue Eternit- und braune MDF-Platten im Werkraum der Architektur Galerie Berlin (Karl-Marx-Allee 96, bis 13.1.2007). Garniert werden die unterschiedlich großen Kuben mit leuchtend roten und saftig grünen Farbflächen. Was auf den ersten Blick wie ein Ausflug in die Minimal Art anmutet, erweist sich als Präsentation von drei Projekten der Architektin Astrid Bornheim . Unter dem Titel „A-Scalar“ werden das Eternit-Foyer in Berlin sowie Showroom und Fassade der Firma in Heidelberg vorgestellt. Und das, typisch für den Werkraum des Architektur-Galeristen Ulrich Müller, nicht als klassische Architekturausstellung, sondern als ambitionierte Installation, die die drei Projekte zu einheitlicher Gestaltung verschmelzen lässt. Sind es Möbel, die hier ein Entree bilden? Oder handelt es sich um eine kleinmaßstäbliche Stadt, deren Kuben untereinander kommunizieren? Es entsteht ein Spiel mit unterschiedlichen Dimensionen, mit offenen und geschlossenen Flächen und vor allem mit der Wahrnehmung des Betrachters, der sich auf dieses Spiel der komplexen Kästen einlassen muss. Doch auch ohne tiefer in die drei Projekte einzutauchen, besitzt allein schon das Bild der abstrakten Komposition für die just fertiggestellte Heidelberger Eternitfassade mit ihren gegeneinander versetzten Elementen und den grünen und roten Farbtupfern einen eigenen Reiz. Jürgen Tietz

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