Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Dem Kitsch

ein Schnippchen schlagen

Es ist, wenn nicht anrührend, so doch hochsympathisch, wenn eine junge Pianistin noch ein wenig mit den Nerven ringt, statt wie ein Kämpfer die Bühne zu entern und dem Publikum herausfordernd entgegenzustrahlen. Die 23-jährige Berlinerin Caroline Fischer setzt sich im Kammermusiksaal der Philharmonie scheu vor den Flügel und geht erst einmal in sich. Erst als sie im zweiten Anlauf Geist und Hände ganz auf Musik und Instrument ausgerichtet hat, beginnt sie die Begleitfiguren von Beethovens Waldsteinsonate zu intonieren. Sofort spürt man: Diese Pianistin liebt das Verbindliche, die Geschlossenheit, sie verstrickt sich nicht in Lyrismen. Mit dem fragmentarisch gehaltenen langsamen Mittelteil der Sonate weiß sie weniger anzufangen. Umso schlüssiger dann das Finale, dessen rasendes Figurenwerk die Pianistin statt mit auftrumpfender Brillanz mit fast porzellanenem Klang spielt. Nach der Pause gelingt der Pianistin dann mit Liszts eigentlich kitschverdächtiger Rigoletto-Paraphrase ein Bravourstück, nachdenklich, mit fast stilisierter Zögerlichkeit inszeniert. In Chopins 12 Etüden op. 10 legt sie die musikalisch weniger interessanten Nummern dieses Zyklus elegant ab, setzt bei Meisterwerken wie der geheimnisvollen es-Moll-Etüde oder der fulminanten Schlussnummer wunderbare Akzente. Fischer gehört nicht zu den Jungpianisten, die im Klassikbusiness verheizt zu werden drohen. Man wird auch in zehn oder zwanzig Jahren noch von ihr hören.

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