Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Liebesleid,

Liebesfreud

Ein Liederabend hat manchmal etwas von einem Striptease: Sobald die Sache richtig spannend wird, ist sie auch schon wieder zu Ende. Auch Pavol Breslik zeigt im Apollo-Saal der Staatsoper nur ganz kurz und ganz spät, was er wirklich zu bieten hat. Erst in der ersten Zugabe, einer Nummer aus Dvoraks Zigeunerliedern, ist sie da, die schwebende Gesangslinie, die diese folkloristischen Miniaturen zu Seelengesängen veredelt. Erst hier versteht man, weshalb die Kritiker der „Opernwelt“ den slowakischen Tenor 2005 zum „Nachwuchssänger des Jahres“ wählten. Der Rest ist ein anderthalbstündiger Aufwärmprozess, beginnend mit ebendiesen Zigeunerliedern. Die tenoralen Schmettertöne, den Opernhelden abgeborgt, hat der 27-Jährige zwar parat. Doch in diesem Goldrahmen wirken die knappen Geschichten von Liebesfreud und Liebesleid seltsam verloren, zumal sein Pianist Robert Pechanec kaum Farben und Stimmungen vermitteln kann.

Auch die vier schönen Tschaikowsky-Lieder in diesem rein slawischen Liedprogramm bleiben bei Breslik Absichtserklärungen, Vorstufen für den Lenski in „Eugen Onegin“, den er in dieser Saison an der Bayerischen Staatsoper singen wird: Die schwärmerisch geflüsterten Kopfkissenbekenntnisse heimlicher Liebe klingen wie ausgetrocknet. Statt ihnen mit Legato-Kultur einen heißen Atem einzuhauchen, kommt Breslik dem Sprechgesang oft gefährlich nahe, besitzt die Stimme bei leisen Tönen kaum mehr Klang. Erst bei den Liedern Bohuslav Martinus und Sergej Rachmaninows gewinnt der Tenor allmählich die volle Verfügungsgewalt über den Ton, kommt sein schönes, helles Timbre unangestrengter zur Geltung. Und langsam legt sich die Besorgnis, die mit Debüts an der Met und am Covent Garden gerade anhebende große Karriere des sympathischen Blondschopfs könne womöglich bald wieder vorbei sein. Na, hoffentlich passt der Junge gut auf sich auf.

KUNST

Enthüllung,

Verklärung

Geheimnis und Öffentlichkeit sind nur schwer vereinbar. Das immerhin macht die gleichnamige Ausstellung deutlich, kuratiert von dem Kunsthistoriker Ludwig Seyfarth, zu sehen in der Galerie Contemporary Art Projects (Friedrichstr. 210, bis 10. Februar). Vier Künstler teilen sich einen Raum. Wenig Platz für ein großes Thema, und trotzdem: Nicht alle beschäftigen sich damit. Paolo Wendel hat 2006 einen Coup gelandet, als er sich, verkleidet als Tonsoldat, in die berühmte Terrakottaarmee von Xi’an einschleuste und die Weltöffentlichkeit damit kurz unterhielt. Von dieser Aktion ist ein Film zu sehen – amüsant, aber geheimnisleer. Gefangen in der Ironieschleife ist auch Miguel Rothschild mit seiner Vorliebe für das alltäglich Groteske. Seine Installation „Conceptual Art“ vereint unter anderem Fotografien, Küchengeräte und Unterhosen, die den Begriff „Konzept“ im Namen tragen. Ein ironischer Blick auf die klassische Vorstellung von Konzeptkunst.

Die von Dorothee Albrecht in einem Film vorgestellten künstlerisch-sozialen Projekte erhalten Öffentlichkeit, besitzen aber kein Geheimnis. Cony Theis dagegen macht als Gerichtszeichnerin Geheimnisvolles öffentlich. Ihre Aquarelle zeugen vom protokollarischen Blick, vom Presseauftrag, speichern aber auch den interpretierend-subjektiven Blick unter die Oberfläche des Sichtbaren. So regt die Ausstellung zwar zum Nachdenken über die Bedingungen und Folgen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit in unserer Welt an, doch am Ende behält Oscar Wilde wieder recht: „Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ Sebastian Gierke

KUNST

Wasserfreuden,

Lebensspender

Die Müdigkeit eines Ufers, an dem herabhängende Weiden sich mit vereinzelt wachsendem Schilfgras kreuzen. Mit starrem Blick und erigiertem Glied dümpelt eine männliche Stoff- oder Plastikpuppe darin herum: „Ophelia“ lautet der ironische Titel des Gemäldes von Sigurd Wendland. Er ist einer von 24 belgischen und deutschen Künstlern, die an der Wanderausstellung Geschichten vom Wasser teilnehmen. Die anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft von der Délégation Wallonie-Bruxelles organisierte Schau ist an drei Orten zu sehen: in der Belgischen Botschaft (Jägerstr. 52), dem Verein Berliner Künstler (Schöneberger Ufer 57) und der Galerie Eva Poll (Lützowplatz 7, alle bis 31. Januar).

Die Vielfalt der Zeichnungen, Fotografien, Gemälde und Skulpturen beeindruckt, doch birgt der thematische Zuschnitt zwei Probleme: Einerseits droht die Gefahr, mit der Verklärung des Wassers zum „Lebensspender“ das Thema an die Esoterik zu verraten und künstlerisch in vormoderne Naturdarstellungen zurückzufallen, die der Kurator Joost de Geest tatsächlich beschwört. Andererseits gerät die bisweilen anvisierte Kritik der Umweltzerstörung leicht zur leeren Geste und verharrt im Ungefähren. Eine konkrete Frage wie die, welche Schäden aus der gerade von der EU vorangetriebenen Privatisierung der Wasserversorgung folgen, fehlt hingegen. Zum Glück sind unter den Werken aber auch so interessante Stücke wie die beunruhigenden Schwarz-Weiß-Fotos des Brüsselers Christian Carez und die expressiven Seestücke der Berliner Malerin Susanne Knaack. Oder eben Wendlands parodistische Genreszenen. Sebastian Kirsch

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