Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Ruck und

Zuck

Christoph Eschenbach mag es, wenn die Luft vibriert. Tschaikowskys „Pathétique“ setzt der Jetset-Dirigent und Pianist, der mit seinem Philadelphia Orchestra zuletzt im Herbst in der Hauptstadt gastierte, mit den Berliner Philharmonikern komplett unter Strom. Schon der Kopfsatz ein furioser Ritt mit jagendem Puls, den 5/4-Walzer durchzucken kurzatmige Seufzer. Wenn Eschenbach die russische Seele in den Salon schickt, tummeln sich kapriziöse, nervöse Gestalten darin. Ein Drucktechniker, der die Atmosphäre nach und nach elektrifiziert.

Zögernd, leise zunächst: In Henri Dutilleux’ Cellokonzert „Tout un monde lointain“ werden die feingliedrigen Gestalten des französischen Neutöners durch Schwachstromstöße in Schwingung versetzt. Solist Ludwig Quandt wandelt behutsam über die zittrige Klangfläche, liegt auf der Lauer und spinnt zarte Glühfäden ins fahle Licht. Starkstrom dann für Tschaikowskys Sechste: Eschenbach lehnt sich weit zurück, schlägt mit gespreizten Fingern,spannt die Nackenmuskeln. Breitwandmusik – auf die Gefahr der rhythmischen Unschärfe. Bis Soloklarinettist Karl-Heinz Steffens das Scherzothema des dritten Satzes mitten in die angespannte Lage hinein intoniert: Herzensdinge, in aller Eile, aber präzise eingraviert, mit glasklarer Kontur. Attacca am Ende, der Funke springt über, und dem Kompressionsdruck entweicht das finale Adagio. Eine Elegie, Epitaph für Seelennotopfer.

KLASSIK

Reif für

die Insel

Das hauptstädtische Konzertpublikum sollte doch nicht etwa anglophob sein? Da bringt das Konzerthausorchester einen Abend ausschließlich mit britischer Musik – und prompt sind die Reihen nur schütter besetzt. What a pity, denn Gastdirigent Richard Hickox ist ein angenehmer Anwalt in Sachen Insel-Musik.

Elgar: Der Name ist für Kontinentaleuropäer gleichbedeutend mit „Pomp & Circumstance“. Einen Marsch wählt Elgar auch als Kernthema seiner 1. Sinfonie von 1908. Mit großen, weichen Bewegungen sorgt Hickox für königliche Feierlichkeit im einleitenden Andante, schlägt über 55 Minuten den spätromantischen Spannungsbogen, bis sich der Marsch schlussendlich zum viktorianisch überladenen „Grandioso“ steigert.

Frank Bridge kennt man hierzulande vor allem wegen der Variationen, die Benjamin Britten über ein Thema seines Lehrers geschrieben hat. Hickox bricht im Konzerthaus eine Lanze für Bridges sinfonische Dichtung „Enter Spring“ – feinherbe, matt schimmernde Art-Deco-Musik von 1927, die treffend den feuchtkalten englischen Frühling nachzeichnet. Von Britten selber hat der conductor, der seit 2005 die Opera in Sydney leitet, „Phaedra“ im Gepäck, ein Spätwerk, in dem der geniale Musiktheatermann wissenden Blicks tief in die zerrissene Seele der Racine-Heldin schaut. Mit gut fokussiertem Mezzosopran macht Pamela Helen Stephen deutlich, wie modern diese Gefühle sind. Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben