Kultur : KURZ & KRITISCH

Sebastian Gierke

POP

Lärm machen

und schlafen

Das Mädchen im Publikum hat nicht ganz recht: „Der sieht ja aus wie Bill Gates“, ruft sie, als Klaus Cornfield, Sänger der Berliner Band Katze , die Bühne des gut gefüllten Roten Salons der Volksbühne betritt. Eine gewisse Ähnlichkeit gibt es schon, doch Cornfield ist lange nicht so unscheinbar wie der SoftwareMagnat. Hinter den Brillengläsern, gehalten von einem dünnen Drahtgestell, blitzen freudestrahlende Augen, die Mundwinkel streben unentwegt den Ohren entgegen, und die dünnen Haare fliegen wild umher. Man spürt sofort, wie viel Spaß dem 42-Jährigen dieser Auftritt macht. Und dann diese Stimme: eine Kinderstimme. „Helium-Klaus“ wird er deshalb auch liebevoll genannt.

Niedlich wirkt das auf den ersten Blick, auch naiv. In den meist skurrilen Texten geht es um Mädchen und Liebe, Geld und Ruhm, Lärmmachen und Schlafen. Die Musik ist immer leicht schräg, katzenjammerartig. Kein phallusträchtiger Rock, sondern melodischer Dilettantismus irgendwo zwischen Gitarrenpop und Drei-Akkorde-Punk, angereichert mit süßem Glockenspiel oder flirrenden Synthieflächen.

Doch der ehemalige Sänger der Neunziger-Jahre-Schrammelpopper Throw That Beat In The Garbage Can! ist nicht nur niedlich. Die Waffe des schüchternen Revoluzzers Klaus Cornfield ist die Ironie. Wenn sich der begeisterte Comiczeichner breitbeinig auf die Bühne stellt und, die Gitarre im Anschlag, seinen dünnen Arm in die Luft reckt, karikiert er damit die große Rockpose. Das Putzig-Komische: ein leckerer Köder.

TANGO

Improvisieren

und sprengen

Tango ohne schmachtendes Bandoneon? Wenn man sich auf Astor Piazzolla beruft, geht das. Die Musiker von Vibratanghissimo spielen die Stücke des legendären Tango-Nuevo-Schöpfers, indem sie einfallsreich improvisieren: mal träumerisch, mal vertrackt, stets elegant und manchmal auch eruptiv. Eigentlich treffen an diesem Abend in der Werkstatt der Kulturen Tango, Jazz und Klassik aufeinander. Denn drei der vier Bandmitglieder sind Orchestermusiker: Kontrabassist Arnulf Ballhorn an der Komischen Oper, die Pianistin Tuyet Pham bei den Berliner Philharmonikern, Bratschist Juan Lucas Aisemberg an der Deutschen Oper.

Mit Vibratanghissimo kommt der Tango zu einem neuen Superlativ. Namensgebend ist dabei das strahlende Vibrafon des einzigen Jazzers in der Gruppe: Oli Bott. Der wiederum studierte bei Gary Burton, einem der großen Lyriker des Instruments. Eigens für Burton hatte Piazzolla einmal eine Suite für Vibrafon geschrieben, die beide 1986 beim Jazzfestival in Montreux aufführten.

Davon lässt sich auch das Berliner Quartett inspirieren und fügt Botts eigene Kompositionen hinzu, die sich der Idee des Tango im Glanz seiner Möglichkeiten verschreiben. Keiner spielt nach Noten, die Musiker verstehen sich blind, entwickeln raffiniert ein Thema, sprengen es gefühlvoll auf und kommen wie selbstverständlich darauf zurück. Bandoneon adé: Vibratanghissimo präsentieren virtuos vier gleichberechtigte Instrumente, die sämtliche Stimmen führen können. Von diesen jazzig-kammermusikalischen Klangbildern lässt sich auch das Publikum im voll besetzten Saal hinreißen, nur selten zerklatscht es die Momente spannungsvoller Stille. Der Schlussapplaus ist aber gewaltig. Roman Rhode

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