Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Amadeus

unter Strom

Wien ist und bleibt eine Sehnsuchtsstadt für Musiker aus aller Welt. Auch der 1977 in Medellin geborene Andrés Orozco-Estrada machte sich vor zehn Jahren in die österreichische Hauptstadt auf, um Dirigent zu werden. Es hat geklappt. Bei seinem „Debüt im Deutschlandradio Kultur“ mit dem Deutschen SymphonieOrchester beeindruckt der Kolumbianer durch sein großartiges Gespür für die Wiener Klassik: In Mozarts „kleiner“ g-Moll-Sinfonie wirken die Musiker wie elektrisiert, der Klang wirkt fantastisch plastisch. Eine Balance von Präzision und Emphase, die das Publikum in der Philharmonie sofort gefangen nimmt. Wenn nach dem Andante ein Hustenorkan losbricht, lässt sich das auch als Kompliment an den Nachwuchsmaestro verstehen: Wer so atemlos lauscht, muss sich einfach zwischendurch mal Luft machen. Erstaunlich dass bei Bela Bartoks „Wunderbarem Mandarin“ nicht annähernd so viel Energie von Orozco-Estrada ausgeht. Sicher, schlagtechnisch hat er das Stück im Griff, und das DSO spielt brillant, doch eigentlich müsste der wüste Expressionismus dieser Partitur viel greller klingen, gerade bei einem so jungen Dirigenten. Der Tscheche Roman Patkoló präsentiert in Bottesinis Kontrabasskonzert h–Moll charmant das andere Gesicht dieses Instruments: das eines sanften Riesen, der mit schüchterner Stimme wunderbar sanft singen kann. Unangenehm der Anblick des hochvirtuosen Eduard Kunz bei Rachmaninovs „Paganini-Rhapsodie“: Ein langer Kerl hockt bucklig wie Quasimodo am Flügel, kriecht autistisch in die Tasten. Eine affektierte Masche, die sich der 26-jährige Russe ganz schnell abgewöhnen sollte.

KLASSIK

Schallwellenmassage

für die Ohren

„Kammermusik“ ist ein hübsches nostalgisches Wort. Im Fall des Vogler-Quartetts trifft es genau den Punkt. Mit ihrem ganzkörperlich spürbaren Sound verabreichten die vier Musiker ihren Fans im kleinen Saal des Konzerthauses eine Schallwellenmassage. Ob jedes Stück, das sie auswählen, zu ihrem hoch energetischen Ansatz passt, ist eine andere Frage: Wo Mendelssohns e-moll-Quartett op. 44 nach sanglicher Piano-Kultur verlangt, kann man durchaus seine Zweifel haben. Bei Kurtágs 1. Streichquartett mit seinen auf engstem Raum vorgeschriebenen Kontrastwirkungen gelingt es den Voglers besser, ihre Energie zu bündeln und ihre Klangfantasie anzuregen – wobei der Cellist Stephan Forck seinen Mitstreitern an Präzision und Farbenreichtum immer eine Nasenlänge voraus ist. Den Abend aus dem Hier und Jetzt ins Reich des Übernatürlichen zu befördern, gelang den Musikern erst in Schnittkes Klavierquintett – mit Hilfe des Pianisten Jascha Nemtsov: Selbst simple Tonwiederholungen präsentiert er mal bedrängend perkussiv, mal unwirklich glänzend. Sogar einem einzelnen Akkord vermag er die Aura eines tröstenden Chorals zu verleihen. Das motivierte die Streicher, ihre Ausdrucks- und Farbenpalette zu verfeinern. Carsten Niemann

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