Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Generation

Gaudium

Der strapazierte Begriff des Mehrgenerationenhauses wird bei den wenigsten Menschen positive Assoziationen wecken. Dabei wird sofort deutlich, welche Chancen in der Lebensalter übergreifenden Begegnung liegen können, wenn das Beaux Arts Trio das Podium des Kammermusiksaals in Besitz nimmt. Wie Menahem Pressler mit seinen 83 Jahren vom Klavier aus herausfordernde Blicke wirft, wie er als Regisseur den Ton blitzartig neu abmischt, das bildet eine mitreißende Synthese aus Wissen und Neugier. Geiger Daniel Hope, der Jüngste im Trio, antwortet auf Presslers Spieltrieb mit beinahe asketischem, vibratoarmem Ton. Antonio Meneses nutzt seine Position als Vermittler am Cello, kultiviert und uneigennützig. Ein musikalisches Gefüge, das Erschütterungen, ja Erdbeben zulässt, aber nie auseinanderbricht.

Beethovens Klaviertrio op. 1 Nr. 3 profitiert in seinen dynamischen Kontrasten intensiv vom langen Atem des Beaux Arts Trios. Die beiläufige Präzision, mit der sich das wilde Schattenspiel im Prestissimo-Finale entwickelt, spiegelt absolute Weltklasse. In Schuberts „Notturno“ bleibt das harmonische Schreiten frei von Rührseligkeiten, während sein Klaviertrio Nr. 1 alle Herrlichkeit der Welt auskostet. Mit einer Haydn-Zugabe wirft das Beaux Arts Trio dem jubelnden Publikum seinen funkelnden Witz zu. Auf diese Edelsteine kann man Häuser bauen.

KABARETT

Generation

Gärtnerplatz

„Früher haben die Kinder die Klamotten der Eltern auftragen müssen, heute tragen die Eltern die Klamotten ihrer Kinder auf.“ In den besten Momenten seines Programms „Im Feld“ gelingt es dem bayrischen Jungkabarettisten Claus von Wagner im Mehringhof-Theater (bis Samstag, 20.1. tgl. ab 20 Uhr), eine Gesellschaft zu porträtieren, in der die Generationen nicht mehr wissen, wie sie einander sinnvoll ablösen sollen. Wo die Alten ewig jung bleiben wollen und die Jungen keinen Platz finden. Eine Folge: Die vielbeklagte Kinderlosigkeit. Eine andere: Amokläufe und Gewaltausbrüche. Beide Themen bieten folgerichtig den Rahmen des Programms. Von Wagner spielt einen typischen Angehörigen der Generation Praktikum, der seine Freundin in der Nacht der Trennung geschwängert hat. Nun sitzt er auf dem Münchner Gärtnerplatz und räsoniert. Dabei wiederum gerät er in den Verdacht, als Terrorist den Platz besetzt zu halten. Mitunter wirken seine Übergänge recht bemüht. Doch sein Bild derer, die heute in Deutschland zwischen zwanzig und dreißig sind, sitzt: „Helmut Schmidt hat gesagt: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Wir sind beim Arzt gewesen, der hat uns zwei Aspirin verschrieben und zurückgeschickt. Und Praxisgebühr mussten wir auch noch bezahlen.“ Sebastian Kirsch

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