Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Ungarn

ist fern

Es muss auch gewöhnliche Konzerte geben, wie das in der Philharmonie mit Peter Eötvös und Musik seiner Landsleute Liszt, Bartók und Ligeti. Ein nationalkultureller Abend, den die Philharmoniker mit dem Rundfunkchor Berlin bestreiten, unaufregend, trotz des Blicks auf’s schöne Ungarnland: Liszts „Von der Wiege bis zum Grabe“ streicht das Leben auf wenige Motive und Melodien ein; zu karge Ton-Kost, um die Philharmoniker satt zu machen. Träge wird im dritten Satz „Zum Grabe: Die Wiege des zukünftigen Lebens“ die Anfangsterz ausgewalzt, und dass Eötvös ein Buchhalter am Pult ist, präzise, aber uncharismatisch, trägt nicht dazu bei, das Werk anzufrischen. Auch Bartóks „Zauberhirsch“-Kantate nimmt kaum gefangen. Obwohl Attila Fekete, der für die Brüder singt, die sich in Hirsche verwandeln, mit tenoralem Schmetter seine Affinität zum Ungarischen demonstriert, Hanno Müller-Brachmann sich schwärzlich hubernd in die Rolle des Vaters beugt und auch der Chor die fremden Worte wohleinstudiert vorträgt – die dezent tonmalende Kantate überlebt die vielfache Brechung nicht, vom ursprünglich Rumänischen ins Ungarische in die Übersetzung des Programmhefts, vom Märchenwald zum deutschen Mittwochabend. Und das Requiem des großen Ligeti klingt wie von fern, als pflichtschuldige Vorführung, einprägsam allein im ruhigen Miteinander der Sopranistin Barbara Hannigan und ihrer Mezzo-Kollegin Monica Bacelli im „Lacrimosa“.

POP

In Spanien

geht das Leben schief

Vielleicht sollte man es nicht zu laut sagen, dass die sporadischen Ladenkonzerte von Berlin Guitars zum Besten gehören, was in der Stadt an Auftritten von Singer/Songwritern zu erleben ist. Ein jüngerer Vertreter dieses Genres ist der Kanadier Shannon Lyon , der nun schon zum zweiten Mal im ausverkauften Gitarrenladen in der Schöneberger Motzstraße gastiert. Sein akustisches Taylor-Instrument trägt tiefe Narben, Furchen und Risse eines unsteten Lebens on the road. Lyon, mit raushängendem Hemd unterm Nadelstreifenjackett, schlägt harte, rhythmische Moll-Dur-Wechsel in die stählernen Saiten. Rasantes Flatpicking. Und singt mit bezaubernd kräckeliger Stimme von schweren Zeiten, des Lebens härteren Seiten: „My house burnt down a year ago...“ In Holland habe er eine Zeitlang gelebt, erzählt er mit jungenhaftem Charme, und in Spanien. „In a backyard I wrote a long song, about a short life that’s all gone wrong“, singt er, und zitiert in seinen eigenen Liedern zwischendrin immer wieder komplette Strophen seiner größten Helden: Neil Young, Townes Van Zandt und tutet in die Harmonika wie Bob Dylan. Unter deren Stern hat Shannon Lyon seine eigene exquisite Variante von „High & Lonesome“ entwickelt hat. Und „Grandpa Was A Carpenter" von John Prine interpretiert er mit zu Tränen rührender Intensität, berauschender Dynamik und tiefem Gefühl. Brüchige Klarheit, tröstliche Melancholie, betörender Humor. Eine Entdeckung. H.P. Daniels

KUNST

In England

zeigt sich die Lady als Sklavin

Auch ein Kündigungsgrund: Von Arbeit besessen zu sein. Hannah Cullwick , britische Dienstmagd im 19. Jahrhundert, hat das Zeug zur Heiligenfigur neoliberaler Utopien. Sie konnte nicht genug davon bekommen, reichen Leuten die Hauseingänge und die Stiefel zu polieren, gerne auch mit der Zunge. Die Sklavenkette um ihren Hals ging manchen ihrer Arbeitgeber allerdings zu weit. Cullwicks Unterwürfigkeit war Teil ihrer Sexualität, mit einem ihrer Herren lebte sie in einer SM-Beziehung. Ihre Selbstporträts sind frühe Zeugnisse einer künstlerischen Durchquerung geschlechtlicher, ökonomischer und ethnischer Hierarchien. Sie inszenierte sich als muskulöse Magd, als junger Mann, als Lady, als Sklavin. Ausgehend von diesen Bildern fragt die Ausstellung „Normal love. Precarious Sex. Precarious Work“ im Künstlerhaus Bethanien (Mi-So 14-19 Uhr, bis 4. 3.), wie sehr Cullwicks Chamäleontum heute zur Grundanforderung in der Arbeitswelt geworden ist. In einer Videoarbeit erzählen Betroffene von den aus normativen Zuschreibungen entstehenden Zumutungen. Auch Kuratorin Renate Lorenz sitzt hier auf dem Sofa. Alexandra Croitoru zitiert bürgerliche Paar-Porträts. Mit der Hand auf der Schulter eines Bodybuilders oder des rumänischen Premierministers eignet sie sich augenzwinkernd die Herrschaft über die Inszenierung an. Die starke, weil archetypische Symbolkraft von Cullwicks Bildern stellt allerdings jede neuere Arbeit in den Schatten. Kolja Reichert

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben