Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Das Fagott

zum Blubbern bringen

Raus aus dem Elfenbeinturm, dem Publikum entgegenkommen – das haben sich Macher der Neuen Musik längst auf ihre Fahnen geschrieben. UltraSchall , das Festival der Sender Kulturradio im rbb und Deutschlandradio Kultur, schöpft daraus geradezu die Substanz seines diesjährigen Programms. Was ist davon im Eröffnungskonzert zu spüren? Der Konzertsaal der Universität der Künste starrt dem Besucher so abweisend wie eh und je entgegen, auch wenn er diesmal gut gefüllt ist. Unter der engagierten Leitung von Brad Lubman spielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin – in gewohnt hoher Qualität – vier Stücke höchst unterschiedlicher Gangart, Farbe und Ausdruckskraft. Doch unterschiedliche Denk- oder Bildwelten als Impulsgeber für eine Musik können nicht weniger Beliebigkeit hervorrufen als die Struktur- und Materialschlachten vergangener Jahre. Was hat es daher zu bedeuten, dass Sebastian Claren in „After Blinky Palermo“ die Materialreduktion des Beuys-Schülers aufgreift, wenn das Klangmaterial selbst graufarbig und reizlos bleibt? Auch der Solopart des hochkarätigen (und sicher nicht billigen!) Cellisten Lucas Fels macht da, von Einzelstimmen des Orchesters bis zur Unhörbarkeit überspült, kaum Sinn. Olga Neuwirths „Zefiro aleggia … nell’ infinito“ ist mit Bezügen vollgepackt, vor allem zum „Raum der Erinnerung“ in Libeskinds Jüdischem Museum, doch wieweit ist das für die blubbernden Fagottkapriolen des ausgezeichneten Pascal Gallois von Belang? Naheliegender, dass Hans Otte seinen buddhistischen Enthusiasmus in „Memorial“ – ursprünglich als „Prayer for Peace“ für das Friedensfest in Osaka 1999 geschrieben – in süßliche Dreiklangsanordnungen kleidet. Ausgerechnet das älteste Werk im Programm packt durch Klangpracht und Vitalität und setzt in all seiner Strenge fast rührend Emotion frei: „Figures – Doubles – Prismes“ von Pierre Boulez, geschrieben 1963/68.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben