Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Denn sie wissen nicht,

was sie tun

Wenn das Timing nicht stimmt, hilft auch das Gespür für großartige Popsongs wenig. Als Spearmint 1999 ihr erstes Album herausbrachten, hatten die Londoner den ersten Britpop-Boom verpasst, für die Generation des Gitarrenband-Revivals waren sie dann zu alt. Und auch zu weich und feminin mit ihrem elegisch-melancholischen Popentwurf. Ein Jammer, denn hier wurde eine große Band nie entdeckt. So ist das Lido am späten Freitagabend auch nur schütter gefüllt. Zunächst haben der charmante Bandleader Shirley Lee und seine vier Mitstreiter Schwierigkeiten, die Kluft zum Publikum zu schließen. „Start Again“, einer ihrer besten Songs, kommt ungewöhnlich grobschlächtig daher, der Applaus verliert sich fast in der Stille nach dem letzten Akkord. Aber Spearmint haben ihren Stolz, und sie wissen, wie man auch ein kleines Auditorium packt. Shirley Lee, dem hornbebrillten Habitus Jarvis Cockers nicht unähnlich, singt mit kehlenzuschnürender Hingabe. Mod-Frisurenträger James Parsons nutzt

die rechte Bühnenhälfte zu gewagten Sprung- und Tanzeinlagen und konturiert die Songs mit einer wunderbar präzisen Leadgitarre. Spearmint spielen sich quer durch die Bandgeschichte, mit einer energischen Version von „The Flaming Lips“ und dem auf einem alten Funk-Sample basierenden „A Trip Into Space“ als Höhepunkten, beides Stücke, die in ihren hymnisch schwebenden Melodiebögen ein verloren geglaubtes Pop-Utopia memorieren. Trotz des enthusiastischen Jubels der Wenigen bleibt ein Gefühl von Wehmut: Diese Band sollte in ausverkauften Hallen spielen. Im Lido stürmen gleich nach der Zugabe die Karrera- Klub-Partygänger die Tanzfläche und hotten zu Franz Ferdinand ab. Sie ahnen nicht, was sie verpasst haben.

FILM

Grantler

und Trachtler

Der Gamser (Sebastian Bezzel) und der Dorfler (Nicholas Ofczarek) können sich nicht ausstehen. Das ist schon seit Kindertagen so. Und so wird’s aller Voraussicht nach auch bleiben. Schließlich sind der Schreiner und der Braumeister zwei altbayerische Sturschädel vor dem Herrn. Der eine arm, der andere reich. Aber beide mit exakt jenem Maß an inbrünstigem Grant gesegnet, wie er vierkantigen bayerischen Urviechern vorbehalten ist.

Im tiefen Winter 1952 stehen sich die beiden mit ihren Beifahrern auf der olympischen Bobbahn von Oslo gegenüber. Dort sollen sie ihren Zwist begraben, um zwei Jahre vor Bern für das erste sportliche Nachkriegswunder zu sorgen: die Goldmedaille – und zwar für Deutschland und nicht nur für das Laptop-Lederhosen-Land in spe. Weil die junge Bundesrepublik beim ersten olympischen Auftritt nach dem Krieg ein makelloses Bild hinterlassen muss, sorgen ein tuntiger und ein rundlicher Funktionär (Bastian Pastewka und Horst Krause) aus dem Norden für Anstand und Sitte. Angesichts der massigen Manns- und resoluten Weibsbilder aus dem Süden fällt ihnen das freilich schwer. Schwere Jungs , als Bobfahrer-Komödie im Stil von „Cool Runnings“ gedacht, sieht gut aus, kommt aber nur ruckelnd in Fahrt. Regisseur Marcus H. Rosenmüller sorgte zuletzt mit seinem Debüt „Wer früher stirbt ist länger tot“ für eine grandiose Überraschung – der Film hat gerade auch bei den Bayrischen Filmpreisen groß abgeräumt. Doch statt erneut leichthändig mit bayerischen Stereotypen zu hantieren, verhebt er sich mit „Schwere Jungs“ an seinen Oans-zwoa-gsuffaner-Trachtlern und Fingerhaklern. Schlimmer noch: Unterm Firnis der Komödie lugt sogar patriotisches Erbauungskino hervor, das homophobe Scherze nicht scheut (in sieben Berliner Multiplexen) Julian Hanich

KABARETT

Auf zu Ikea,

Andrea

Warum nicht einmal eine Kabarettshow, die die Wüste als viel zu heiß und schamlos sandig entlarvt, denkt man irgendwann bei der Berlin-Premiere von Bodo Wartkes neuem Programm „Noah war ein Archetyp“ im Quatsch-Comedy-Club . Innovativer als noch einmal über George W. Bush, den absturzgefährdeten Bill Gates, das Wetter und verunglückte Beziehungen herzuziehen, wäre es allemal.

Aber nicht zu schnell geurteilt. Denn Bodo Wartke macht aus langweiligen Themen tatsächlich was. Er ist, ähnlich wie Willy Astor, ein Wortakrobat – mit genialen Momenten. Doch auch der Schwachsinnsquotient ist hoch. So reimt er „Andrea“ auf „Europäer“, „Nord Korea“, „Ikea“ und „BH“. Dass das nichts Peinliches hat, liegt an seiner einnehmend charmanten Art. Wartke ist ein Verkaufstalent: Im grauen Dreiteiler und knallgelben Hemd dreht er einem sogar die Pollenallergie als atemberaubend an.

Wenn der 29-Jährige nicht den Stand-up Comedian gibt, singt er am liebsten hintersinnige Liebeslieder: für Andrea, Claudia, Monika, Judith und Verena. Der ehemalige Musikstudent begleitet sich dabei selbst am Klavier, die Texte zielen nie unter die Gürtellinie. Das hebt ihn aus der Masse der deutschen Comedy-Brutalos heraus, deren Witz oft jede Geschmacksgrenze mühelos unterschreitet.

Trotzdem: Hinter jeder wirklich guten Pointe muss ein Abgrund gähnen, so dass man sich am eigenen Lachen verschluckt. Bei Wartke gähnt nicht einmal ein kleiner Straßengraben. Das Publikum allerdings auch nicht. Immerhin. (bis Mittwoch, 24. Januar, 20 Uhr). Sebastian Gierke

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