Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

ROCK

Jeder Vers

ein Geständnis

Dieses Licht! Es gleißt den Zuschauern aus Kästen entgegen, wieder und wieder müssen sie geblendet die Blicke senken. Razorlight , die Band vor diesen Lichtsensen, macht im Kesselhaus ihrem Namen alle Ehre. Einschneidend, intensiv, energiegeladen und kurz ist die Show: von Stadionrock-Anklängen (Strobo) über Kuschel- (rote Lichterketten) bis Garagerock (Neon). Mit ihrem zweiten Album, das vergangenen Sommer erschien, hat sich die britisch-schwedische Band von übermächtigen Vorbildern wie den Strokes oder Libertines emanzipiert. Durch die gestischen Referenzen von Sänger Johnny Borrell dringt Stolz aus jeder Pore des entblößten Oberkörpers. Borrell presst die Verse heraus wie ein Geständnis, um dann in einer erlösenden Hookline, mit einer entfesselten Stimme, seine Not auf den Punkt zu bringen: Zu wenig Liebe, zu viel Überdruss oder einfach nur zu lange aufgeblieben. Drummer Andy Burrows lässt die Trommeln dramatisch wirbeln, der Bass und die lakonische Gitarre, in schwedischen Händen, schließen auf. Fraglich, was aus all den britischen Hypes wird, die Razors werden weiter strahlen.

KLASSIK

Hörnerklang

wie aus Seide

Die Berliner Philharmoniker geben sich die Ehre, den Dirigenten des Abends zu ehren. Sie applaudieren Bernard Haitink nicht nur als einem gern gesehenen Gast, sondern weil der Funke übergesprungen ist zwischen ihm und den Musikern in der zweiten Symphonie von Brahms. Seit über 40 Jahren kommt der unprätentiöse Kosmopolit aus Amsterdam in die Berliner Philharmonie. Wie andere Dirigenten des überwiegend deutschen Faches auch ist Haitink stimmungsabhängig. Das bedeutet bei ihm: im Glücksfall außerordentlich. Zu beobachten ist schon in Webers „Freischütz“-Ouvertüre, dass die Philharmoniker sensible Partner sind: Nach dem Klarinettensolo von Wenzel Fuchs gelten feine Verständigungsblicke der Präzision einer Achtelbewegung zwischen Celli und Zweiten Violinen. Das Kleine im Großen. In der Brahms-Symphonie klingt der Beginn der Hörner und tiefen Streicher wie Seide, blühen die Melodien der Solisten Radek Baborak, Dominik Wollenweber und Andreas Blau. Das Ereignis aber ist der Dirigent, der die Spannung der pastoralen Musik bis zur Apotheose auflädt, als habe neue Inspiration ihn verjüngt. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar