Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

KABARETT

Ulkige Verrenkungen,

verknotete Musik

Ringsgwandl kommt im grauen Anzug auf die Bühne der Wühlmäuse . Das ganze extreme Schrill und Schrull vergangener Jahre ist aus dem Weg geräumt. Keine schreienden Kostümierungen mehr. Keine blonden Langhaarperücken, keine rosa Damenbadeanzüge, keine komischen Hüte. Der Oberbayer und ehemalige Oberarzt Georg Ringsgwandl konzentriert sich aufs Wesentliche, seine Musik, die eine immer größere Vielfalt knorrig wurzeliger Einflüsse ineinander verknotet: Rock’n’Roll, Funk, Reggae, Bayern-Country, afrikanische Polyrhythmik. Und dazwischen betörende „Unplugged“-Passagen mit Waldzither und Mandoline, die eine enge Verwandtschaft amerikanischer „Appalachian Mountain Music“ mit bayerisch alpenländischer „Stubenmusi“ hörbar machen. Chuck Berrys „C’est La Vie“ wird angemessen bajuwarisiert: „So issas Lebn sagn de Oidn, irgendwie werds scho werdn.“ Dieses Leben beschreibt Ringsgwandl mit all seinen alltäglichen Absurditäten. In charmanten Song-Geschichten und Zwischenkommentaren mit rasantem Humor und betörendem Sprachwitz. Wo der phonetische Gleichklang der Buchstaben e und i im Bayerischen zauberhafte Reime ermöglicht: „Vroni“ und „Zone“ werden zu „Vroneh“ und „Zoneh“. Die Band rockt kompakt und funkt und sprüht vor Spielfreude: Trommler und Bassist frisch und jung, während der langjährige Mitstreiter Nick Woodland Lebenserfahrung, Ruhe, Individualität und exquisite musikalische Ideen auf Stratocaster und Mandoline überträgt. Ringsgwandl erzählt, singt, zappelt, macht ulkige rhythmische Verrenkungen. Und wie bei seinem größten Vorbild Bob Dylan liegen auch bei ihm Humor und Melancholie, tiefes Empfinden und Mitgefühl für Außenseiter, Unangepasste und Konsumverweigerer dicht zusammen. Ringsgwandl ist einer der ganz Großen.

KLASSIK

Der Retter und

sein Raffinement

Unter den Klavierkonzerten von Sergej Prokofjew ist Nr. 3 in C-Dur wohl nicht nur das beliebteste, sondern auch das heikelste, in seinen unablässigen, an Etüden-Meister Czerny gemahnenden Tonleitern am schwierigsten zu spielende. Konstantin Lifschitz , nicht zum ersten Mal als kurzfristiger Einspringer Retter eines Konzerts, kann es sich leisten, sie in entspannter Ruhe auszuspielen, auch im Pianissimo jeden Ton hörbar zu machen. Virtuose Schaumschlägerei hat der knapp dreißigjährige Russe nicht nötig. Seine Technik dient einer Genauigkeit, die stets die Balance zwischen Stilgerechtigkeit und Ausdruck sucht. So versprüht sein Prokofjew vielleicht nicht „Feuerzungen“ wie in manch anderer draufgängerischer Interpretation, sondern enthüllt im neoklassizistischen Aufbau feinste lyrische Linien und fast surrealistisch anmutende Piano-Schattierungen. Recht breite Tempi verdeutlichen die skurrile, marionettenhafte Gestik, die in dieser eleganten Musik oft untergeht. Doch scheinen im Konzerthaus zwei verschiedene Temperamente am Werk zu sein. Es ist Fabrice Bollon , der das nuancenreich begleitende Konzerthausorchester im schwärmerischen Seitenthema des Finales zu einem ordentlichen Schuss Rachmaninow antreibt. Bei „Bacchus et Ariane“, der 1930 verfassten Ballettsuite von Albert Roussel, ist der französische Dirigent natürlich im Recht, wenn er die vom „wagnérisme“ gefärbte Sehnsuchtsmelodik breit auskostet, die Klänge schimmern und glänzen und im abschließenden „Bacchanale“ förmlich explodieren lässt. Zeigt das Orchester hier durchaus „französisches“ Raffinement und Brillanz, so sieht das in Debussys „Images“ schwieriger aus: Wagner- oder Strauss- Anklänge haben hier nichts zu suchen, und so könnte es im Schluss der melancholischen „Gigues“ viel fahler, bei den melodischen Aufschwüngen der „parfums de la nuit“ zarter und zeichnerisch präziser zugehen und auch dem spontan beklatschen Schluss der „Iberia“ tut allzu viel Lärm nicht gut. Isabel Herzfeld

KLASSIK

Rot

und Blau

„Das Attribut nonkonformistisch“, schwärmen die Veranstalter über Katia und Marielle Labèque , „trifft auf die beiden Pianistinnen zu wie auf nur wenige Interpreten.“ So kann man es auch ausdrücken. Bei Lichte betrachtet ist es jedoch erst einmal ein Programm aus bekannten Kernrepertoirestücken für Klavierduo, das die beiden erfolgreichen Schwestern im Kammermusiksaal der Philharmonie bieten. Wobei die Pianistinnen genug mit der technischen Seite ihres Vortrags beschäftigt sind, als dass ihr Nonkonformismus immer musikalischer Überzeugung zu entsprechen scheint. Einem lässig mit den Fingern geschnipsten Motiv im ersten Seitensatz von Mozarts Sonate KV 448 und einem poetisch durch das düstere f-moll von Schuberts Fantasie D 940 geisternden Melodieirrlicht stehen jede Menge verwaschene Läufe und ausgeblichene Klangfarben gegenüber. Aber das Auge hört mit. Und da werden es andere Klavierduos noch eine Weile lang schwer haben, mit den beiden, in zwillingshaft komplementärem Rot und Blau gekleideten Frauen mitzuhalten: Katia Labèque lässt im Rhythmus von Gershwins Rhapsody in Blue den Absatz auf das Parkett knallen und gibt mit wippendem Lockenkopf und energisch in die Tasten greifenden Händen die Raubkatze im Jazzkeller. Marielle Labèque, äußerlich ungerührter, lässt den schnurrenden Ton ihrer Begleitfiguren ins Bedrohliche gleiten. Viel Applaus, zwei Zugaben. Carsten Niemann

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