Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Theatralische Wucht

und trostreiche Melodien

Mal ehrlich: Zeilen wie „Frau, du bist eine Hure, aber wenigstens bist du eine glückliche Hure“ würde man keiner Band aus Deutschland durchgehen lassen. Aber auf Englisch, eingebettet in ein grandioses Bombastrock-Panorama, ist die grimmige Abrechnungsmoritat „Woman“ ziemlich ergreifend. Wie fast alles, was Sophia an diesem Abend im Postbahnhof spielen. Sophia ist das Bandprojekt von Robin Proper-Sheppard, einem mit Mitte 30 noch jugendlich wirkenden Kalifornier. Seine fünf Begleiter bleiben im Hintergrund, erledigen ihren Job aber mit Bravour. Ohne die theatralische Wucht dieses Zwei-Gitarren-Keyboard-Bass-Schlagzeug-Aggregats wäreProper-Sheppard nur ein wehleidiger Gitarrenbarde mit schöner Stimme. So aber schreitet er majestätisch über den dickflorigen, psychedelisch ornamentierten Klangteppich, breitet die trostreichen Melodien seiner dunkel glimmenden, zwischen zarter Lautmalerei und brachialem Noise oszillierenden Songs aus. Das Beste kommt am Schluss: „The River Song“ mündet in einem fantastischen Vier-Gitarren-Malstrom, den der Drummer, sich wie ein Olympionike in Posen werfend, von seinem Schlagzeugthron dirigiert. Die Band wird zur kinetischen Lärmskulptur, ein überwältigender Moment.

KLASSIK

Überfeinerte Belcanto-Kultur

und einfache Gefühle

Eigentümlich fremd wirkt Vesselina Kasarova im Opernjetset des 21. Jahrhunderts: eine Große neben vielen Großgemachten, eine Künstlerin unter Belcanto-Starlets, die sich noch in den Zugaben ihrer Soloabende jede Showattitüde versagt. Haydns dramatische „Berenice“-Szene, Berlioz, Dvorak und bulgarische Lieder – was Kasarova an diesem Abend in der Deutschen Oper singt, gelangt normalerweise nicht in die Klassik-Hitlisten. Doch schafft sie es, jedes Stück zur Kostbarkeit zu machen. Dient Haydns breit angelegte Opernszene noch zur Mittelschau ihres makellosen, wunderschönen Mezzosoprans, stehen hier kunstvoll eingefädelte Triller, apart angerauhte Tiefe und expressive Einfärbungen noch etwas nebeneinander, so verschmelzen spätestens bei Berlioz’ „Geist der Rose“ die Kunstmittel zur Einheit. Seismografisch scheint die Stimme auf den emotionalen Gehalt jedes Wortes zu reagieren, schlägt manchmal ganz unvermittelt ins Pianissimo um, bringt dann mit deklamatorischer Kühnheit eine melodische Linie zum Stocken. Beruhigend ist, dass Kasarova und ihr diskreter Klavierpartner Charles Spencer in Dvoraks Zyklus Opus 83 und in den eigentümlich melancholischen bulgarischen Liedern einen schlichteren Tonfall anschlagen. Ein Signal, dass in dieser Künstlerseele nicht nur für die Überfeinerungen der Belcanto-Kultur, sondern auch für einfache Gefühle Platz ist. Jörg Königsdorf

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