Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK I

Einfach

umwerfend

Warum hat das Saint Paul Chamber Orchestra keinen Chefdirigenten? Weil es seit einiger Zeit mit „Artistic Partners“ zusammenarbeitet. Dass es sich bei dem Begriff keineswegs um eine neue Blüte amerikanischer political correctness handelt, das bewies das Ensemble zum Abschluss seiner ersten Europatournee seit 1997 höchst eindrucksvoll im Kammermusiksaal der Philharmonie. Hierfür hatte das einzige professionelle Fulltime-Kammerorchester der USA seinen Artistic Partner Roberto Abbado mitgebracht (der Neffe von Claudio Abbado hat sich längst als Dirigentenpersönlichkeit etabliert). Gast beim Hauptwerk des Abends, Beethovens viertem Klavierkonzert, war Lars Vogt. Zusammen bot man eine jener Sternstunde des gemeinsamen Musizierens, die unter den musikalischen One-Night-Stands des Konzert-Jetsets so selten geworden sind: Rückhaltlos standen Orchester und Dirigent hinter Vogts Deutung, einer abgrundtief tragischen Sicht des Stücks, die zwischen virtuos zielgerichteter, kaltwütender Energie und introvertierter, zärtlicher Depression die Balance hielt. Kein Energieausbruch von Vogt, den das Ensemble nicht blitzschnell mit der zeitlich wie und räumlich genau abgegrenzten Kraft einer überraschenden Bö in Orchesterklang zu übersetzten vermochte. Mit Bescheidenheit und diplomatischem Geschick betätigte sich Abbado als Makler. Ob Oboe oder Kontrabass, jedes Instrument, das aus dem charakteristischen, herrlich warmen, kompakten und dennoch völlig durchsichtigen Ensembleklang heraustrat, schien den Solisten persönlich anzusprechen. Um die Zuhörer dann umzuhauen.

KLASSIK II

Feuer

unterm Dach

Wenn Marina Prudenskaja im Februar an der Deutschen Oper erstmals tragende Altpartien in allen vier Teilen von Wagners „Ring des Nibelungen“ singen wird, dann dürfte das Publikum der Deutschen Oper ihre Stimme über den Orchesterwogen wohl als „tragfähig“ und „durchschlagskräftig“ erleben. Im Liederabend dagegen ist dieser breit flutende Mezzosopran wie ein Vulkan, und seine dramatische Domäne kann er auch im Lied niemals verstecken. Dabei legt Marina Prudenskaja den Abend in der Deutschen Oper keineswegs auf äußere Theatralik an. Keineswegs zuerst nach der Wirkung hat die junge russische Mezzosopranistin gemeinsam mit ihrem formidablen Begleiter Semjon Skigin das rare russische Repertoire (u. a. drei russische Lieder von Liszt!) ausgewählt, und sparsam bleibt die hochgewachsene, schlanke Prudenskaja in der äußeren Geste. Es ist rein musikalisches und ganz inneres, persönliches Feuer, das dennoch erst einmal den Zündstoff eines Bolero-Liedes braucht, um ein bisschen Energie abzubrennen.

Wenn sie die rauchende und rasende Lokomotive am Ende von Michail Glinkas Liedzyklus „Abschied von Sankt Petersburg“ musikalisch schildern darf, hat Marina Prudenskaja endlich ihre Betriebstemperatur. Die große, ja gewaltige Stimme darf dann ihr Vermögen zu kleinen, immens präzisen Sechzehnteln unter Beweis stellen. Auch an solchen Stellen ist Marina Prudenskaja ganz bei sich, kommuniziert kaum mit dem Publikum, und doch können ihre Liedinterpretationen von Glinka, Liszt und frühem Wagner überzeugen, weil die junge Sängerin in ihrer ganzen Musizierhaltung so ernsthaft, bescheiden und reif scheint. Souverän legt sie ihre Lieder nicht auf Wort und Geste, sondern auf große und kleine Klänge an. Matthias Nöther

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