Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

KLASSIK

Ungefährliche

Liebschaften

Von Tränenseligkeit und enthemmter Gefühligkeit ist wenig zu spüren in den „Gefährlichen Liebschaften“ des Choderlos de Laclos. Emotionen werden kühl eingesetzt, um Intrigen zu befördern, um die Feinde zu zerstören. Die Affektlehre des Rokoko wird instrumentalisiert, der Mensch erweist sich als manipulierbare Maschine. Aus dem Musterbuch der musikalischen Charakterisierungskünste kommen auch die Kompositionen, die das Freiburger Barockorchester unter der Leitung von Petra Müllejans zwischen die Lesung von Jutta Lampe streut. Das reicht von Rameau bis Haydn, von Wilhelm Friedemann Bach bis Telemann. Zum Sturm der Gefühle wird kräftig an der Windmaschine gekurbelt, bei sanfteren Regungen kommen die Traversflöten zum Zuge. Die Freiburger erweisen sich erneut als die Romantiker unter den Originalklangensembles. Ausgewogen in den Klangmischungen, erlesen in den Soli veredeln sie die Genrestücke in sanft schimmernden Juwelen. Blitzendes Feuer und scharfe Kanten sind freilich ihre Sache nicht, und so wirkt das Programm auf die Dauer ein wenig ermüdend in seiner Gediegenheit. Auch Jutta Lampe nimmt ihre Aufgabe ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter. Es häufen sich die Lesefehler. Der routinierte Einheitston, mit dem sie Werthers Naturseligkeit ebenso absolviert wie Marivaux’ Galanterien, wird durch die Lautsprecher im Kammermusiksaal weiter verflacht. Der Hornist Teunis van der Zwart besticht in Mozarts Hornkonzert D-Dur durch virtuose Individualität und faszinierende Klangvielfalt auf dem anspruchsvollen Naturhorn. Danach fügt er sich umgehend wieder in den homogenen Orchesterklang ein. Nur nicht auffallen, scheint die Freiburger Devise zu sein.

THEATER

Gefährliche

Seilschaften

Mit drei Männern und einer Frau spielt der spanische Dramatiker Jordi Galcerán ein Experiment durch – wie radikal kann Individualität durch den Zwang zur Anpassung zerstört werden? Eine Stelle ist ausgeschrieben, in der Endausscheidung befinden sich vier Kandidaten. Nur einer von ihnen ist echt, drei gehören der Firma an, die den hohen Posten zu vergeben hat. In das zerstörerische Spiel mit Biografien wird in Die Grönholm-Methode nicht nur der „echte“ Bewerber hineingezogen, auch die drei anderen sind in eine fiebrige Abfolge immer neuer Erfindungen und Täuschungen verstrickt.

Folke Braband interessiert in der Komödie am Kurfürstendamm allerdings eher die flotte Konversation unter vier „zufällig“ zusammenkommenden Leuten als die Brutalität des Auswahlverfahrens (dienstags bis samstags, 20 Uhr, sonntags 18 Uhr). Zu früh wird in seiner Inszenierung offensichtlich, wer der wirkliche Kandidat ist. Jede der Figuren hat bei Galcerán eine besondere Geschichte zu erzählen, von Abstürzen und Krankheiten, von Niederlagen und Siegen, kurz: von Tod und Leben. Diese Geschichten müssen ernst genommen werden, sie führen nach oft harmlosem Beginn in nicht mehr überbrückbare Abgründe. Am Kurfürstendamm aber gerät das zu unbedenklich und unterhaltsam. Ein Wortgefecht, von den Darstellern virtuos und in raschem Tempo gemeistert, unterdrückt den Schrecken über die Zerstörung von Würde und Eigenart.

Zugegeben, auch die rhythmisch beschwingte Sicht hat ihre Reize. Bühnenbildner Stephan Dietrich baute einen Beratungsraum mit fast fensterloser Wand und zusammengeklaubtem Büromobiliar, der den vier Figuren reiche Möglichkeiten bietet, sich mit ihren vorzüglich einstudierten Bewerbungsrollen raumgreifend zu präsentieren. Aus dem Quartett ragt Markus Majowski heraus – sein rundlich biederer Bewerber hat eine knautschige Freundlichkeit, hinter der es böse irrlichtert. Christoph Funke

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