Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Wenn die Krähen

schwirren

Diesen spinösen Titel muss man abschmecken, ehe man ihn fehlerfrei schreiben kann: „schwirren flu:xs (und Selbstbildnis).“ So nennt der Nono-Schüler und Hochschullehrer Nicolaus A. Huber eine Komposition, die er als Auftragswerk für das Konzerthaus Berlin verfasst hat. Alles sei biografisch: Eine frühe Neigung zu dem Nietzsche-Gedicht „Die Krähen ziehen, schwirren flugs zur Stadt“, die Sprache, die Bilder darin, dann der Einfluss der Fluxus-Bewegung.

Uraufgeführt vom Konzerthausorchester unter seinem neuen Chefdirigenten Lothar Zagrosek transportiert die Musik ein antibürgerliches Verständnis von Kunst in die Gegenwart, eine Instabilität der Partitur wie einen Gruß aus der Ferne der vergangenen Sechziger. Klänge wie Knall und langsamer Fall, Tremolo und Hauch, kleinteilige Crescendi. Die Töne schwirren selbstständig herum, sagt Huber, der in Bonn einst „Tage für Politische Musik“ konzipierte, im Gespräch vor dem Konzert. Und daher passiert es auch, dass aus der spielerischen Spontaneität dieser Töne, einem ansprechenden Moment von farbiger Skelettierung und Klarheit, gefühlte Längen entstehen. Eine Mischung aus Kompositionshandwerk und „Ja, damals!“

Die neue Ära des Orchesters mit Zagrosek als Nachfolger Eliahu Inbals bringt Überraschungen. Noch ist die musikalische Aufwärmphase deutlich zu spüren: schöne Stellen als Verheißung. So in dem „Idyll“ für großes Orchester „Im Sommerwind“ von Anton Webern.

Da der Name des Dirigenten als Liebling der Intellektuellen mit wunderbarem Stuttgarter Musiktheater verknüpft ist, gilt hoher Maßstab. Zagrosek motiviert die Musiker. Drängend und penibel im Detail geht er an den großen Beethoven der „Eroica“-Symphonie. Er weiß: con brio. Seine gestische Nachdrücklichkeit indes, die in der Oper viel erreicht, gerät hier in Gefahr, der Musik den Atem zu nehmen.

POP

Wo die Saiten

singen

Vorwiegend ältere Fans freuen sich auf ein Wiedersehen mit dem 61-jährigen kanadischen Songwriter Bruce Cockburn . Die mit Abstand Jüngste im vollen Quasimodo ist Angela Desveaux aus Montreal. Eine kleine, zierliche Frau mit großer Schrammelgitarre und noch größerer Stimme. Zauberhaft unangestrengt singt sie im Vorprogramm ihre bittersüßen Country-Songs, betörende Duette mit dem Gitarrenpartner, zieht melancholisch wehende Töne aus den Tiefen der Seele wie Lucinda Williams. Eine Entdeckung. Dann Bruce Cockburn. Der Bart ist ab. Steht ihm gut. Auch die kurzen grauen Haare, das schlichte schwarze Hemd, die schwarze Hose. „Great to see you all.“ Ein zurückhaltender, fast schüchterner Mensch, der sich konzentriert auf seine Musik. Eine kleine Auswahl aus den Songs des letzten Vierteljahrhunderts. „Rouler Sa Basse“, ein Ragtime-Instrumental mit in die Kopfstimme springendem Scat-Gesang. „I always wake up nervous“ singt er mit kräftiger, fester Phrasierung, die gelegentlich an Springsteen erinnert. Und optimistischer klingt als beim letzten Auftritt vor drei Jahren, fast fröhlich. „Life Short Call Now“ ist der Titelsong des neuesten, sehr ruhigen, intimen Albums. Ohne Posen zeigt Cockburn seine Gitarrenkunst, sein merkwürdiges Picking mit dominant flinkem Daumen. Schwirrende, schwebende Effekte, offene Stimmungen, echoend geschichtete Sounds, ineinandergeschachtelte Jazzmelodien. Sechssaitige Gitarre, Metallkorpus-Dobro und Zwölfsaitige im Wechsel mit poetischen Texten: Cockburns Betrachtungen des täglichen Lebens, des täglichen Wahnsinns. Doch ist er milder geworden im Ton, weiser, und weniger radikal als noch vor zwanzig Jahren. Aber dann singt er doch noch seinen zornigsten und auch bekanntesten Song: „If I Had A Rocket Launcher“. H.P. Daniels

ARCHITEKTUR

Wie Ornamente

Räume bilden

Seit dem Urteil von Adolf Loos, Ornament sei Verbrechen, tat sich die Architektur schwer mit Dekor und Verzierungen. Erst in jüngster Zeit erlebt das Ornament eine Renaissance. Diese Lust am Dekor, gepaart mit einer Neigung zu intensiver Farbigkeit, kennzeichnet die jüngsten Arbeiten der Berliner Künstlerin Nicole Nickel in Architektur Galerie Berlin (Ackerstraße 19, bis 24. Februar). Unter dem Titel „Versatzstücke“ vermischt sie in ihren Collagen geometrische Formen, die entfernt an gebaute Architekturen erinnern, mit Ausschnitten aus Landschaften. Berge, Inseln und Wälder werden mit geometrischen Körpern überzogen, die halb futuristisch, halb konstruktivistisch anmuten und vermeintliche Raumfolge wiedergeben. Durch ornamentale Motive weicht Nickel die strengen Raumkanten dieser Körper wieder auf: Ob gelbbraunes Fliesenmuster, rosa Marmorierung oder durchscheinende blaue Folie, Motiven und Farben sind keine Grenzen gesetzt. In ihrem Musterarchiv, das sie dem Alltag entlockt, hat Nickel die unterschiedlichsten Motive eingescannt, um sie nach Belieben in anderen Zusammenhängen erneut einzusetzen. Der technisch strengen Entwurfsarbeit am Computer mit ihren perfekten Ergebnissen setzt sie bei ihren aktuellen Collagen das traditionelle Ausschneiden und Zusammenfügen der Bilder gegenüber. Landschaft und Architektur werden in Nickels Collagen so zu tatsächlichen Versatz-Stücken aus Alltag und Kunst. Jürgen Tietz

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