Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Cage auf dem

Catwalk

Zwangloses Plaudern über die musikalische Nachkriegsavantgarde scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Nicht so bei Heinz-Klaus Metzger , dem Doyen zeitgenössischer Musiktheorie. Die „Spuren der Avantgarde“, die er im Lecture-Konzert des Pianisten Stefan Litwin im Werner-Otto-Saal verfolgt, geraten zum Spiegel der eigenen Biografie. Alle Großen hat er von Angesicht gesehen. Zwar zerschlugen sich Studienpläne bei Schönberg durch dessen Tod 1951, und Adorno musste mit der „Philosophie der Neuen Musik“ als „Ersatz“ herhalten. Doch wenn Metzger über die „Sechs kleinen Klavierstücke“ op. 19 spricht, Liszts „Nuages gris“ von 1881 dagegen hält und daraus den Übergang zur Klaviersonate op. 1 von Alban Berg herleitet, wird auch die Welt der frühen Atonalität lebendig.

Dass Beethoven „antiautoritärer“ komponierte als Boulez, Stockhausens einstige Provokationen der Expressivität Anton Weberns unterliegen, greift auch Litwin am Flügel kongenial auf. Dazwischen Theoretisches – Stockhausens Traktat „Wie die Zeit vergeht“ hat mit dem „Altern der Neuen Musik“ nichts zu tun – und Anekdotisches über Scelsi, Cage und Lachenmann. Nach Scelsis wunderschön ein-tönigem „Ka“ – „die Beziehungen zwischen den Tönen taten ihm nicht gut, er verlegte sie ins Innere der Töne“ – ist es „Music Walk“ von John Cage, der als erstes „instrumentales Theater“ auf die anarchischen Möglichkeiten der Zeit und die Strenge des Zufalls hinweist. Heutiger „Kriterienlosigkeit“ stellt sich Metzger, der Unermüdliche, der morgen 75 Jahre alt wird, auch mit seiner brandneuen Schriftenreihe „querstand“ entgegen.

VIDEOKUNST

Kafka

im Eis

Ausflugszeit im Grunewald: Kinder mit ihren Eltern, Liebespaare und Hunde begeben sich aufs Glatteis. Während des kalt-starren Winters 2005 hat der portugiesische Videokünstler João Penalva , der auf der Biennale in Venedig 2001 erstmals einer breiteren europäischen Öffentlichkeit bekannt wurde, diese beschauliche Szene auf dem zugefrorenen Grunewaldsee gedreht. 37 Minuten lang, in einer einzigen, statischen Einstellung. Nur durch atmosphärische Farbwechsel verändert sich das Bild. Doch aus dem Off bricht das Fremde in die Eisidylle ein. Auf Mandarin-Chinesisch, mit englischen Untertiteln. Ein Mann erzählt die Geschichte eines Verkehrsunfalls, er wird als Zeuge vernommen. Und plötzlich kommt er ins Rutschen, verliert die Kontrolle. Die Polizisten betreten seine Wohnung. Was wollen sie nur? Eine anonyme, unsichtbare Autorität unterwirft ihn scheinbar grundlos. Spröde abweisend ist diese Parabel. Kafka im Eis. Der 1949 geborene Penalva lässt die zu hörende, abgründig-absurde und die zu sehende, bürgerlich-gewohnte Welt in seiner komplexen Videoerzählung The roar of lions zusammenklingen (bis 10. März, daadgalerie, Zimmerstraße 90/91). Hartnäckigen, dokumentarischen Realismus verbindet er mit zügelloser Fantastik. Und das Gewohnte wird bedrohlich absurd: die Logik des Traums. Aber träumt hier jemand mit offenen Augen von einer absurden Welt, oder hat er die Augen geschlossen – und träumt von der Winteridylle? Sebastian Gierke

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