Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Erinnerungen

treffen dich

Thomas Mann, der Leitmotiviker unter den Dichtern, hat Hymnen auf den Trauermarsch gesungen, der in der „Götterdämmerung“ auf Siegfrieds Tod antwortet. Dass diese „übergewaltigen Akzente der Musik“ nicht mehr dem Waldknaben, dem jungen Haudegen gelten, sondern eine Feier des Gedenkens sind, leitet das Gefühl des Hörers durch den „Beziehungszauber“ der großen Klage. Zumal wenn das Stück so elementarisch erklingt wie in diesem zweiten Konzert der Wagner-Reihe, die Marek Janowski mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester gestaltet. „Feierlich“: Eine Lebensreise des utopischen Helden von der Liebe seiner geschwisterlichen Eltern bis zur Überhöhung seines einst kindlichen Hornrufs, sein Thema in strahlendem Glanz. Schmerzlich treffen die Erinnerungen zusammen. Janowski dirigiert eine großartige Passionsmusik. Eine stillere Kostbarkeit bringt Anne Vondung in die Philharmonie. In Harmonie mit dem RSB geht ihre intelligente und klare Interpretation der „Fünf Gedichte von Mathilde Wesendonk“ davon aus, dass Wagner die Stücke ursprünglich als Klavierlieder komponiert hat.

Thomas Mann, der es wissen musste, meinte auch: „Wagners Dichtertum anzuzweifeln schien mir immer absurd.“ In diesem Verständnis markiert der Auftritt Elizabeth Connells mit der Schlussszene der Brünnhilde eine Absurdität. Die Sängerin verfügt noch immer über eine Sopranstärke, die es mit jedem Orchester aufnehmen kann. Aber sie schafft es, dass vom Text kaum ein Wort zu verstehen ist.

POP

In den Spuren

des Vaters

Die Familienähnlichkeit ist bemerkenswert: Mund, Nase, Wangenpartie – Sean Lennon hat die Züge seines Vaters geerbt. Aber auf einen Verwandtschaftsbonus kann er verzichten. „Guten Abend. My Name is Sean“ begrüßt er das Publikum im nur halbgefüllten Columbia Club . Mit vier Begleitern steigt er in das Titelstück seines neuen Albums „Friendly Fire“ ein, und ja, dieser zugleich weiche, feminine und bestimmte Gesang erinnert spontan an John Lennon. Und in einigen Stücken schwebt ein beatlesker Unterton mit. Aber es wäre ungerecht, ihm dies vorzuhalten. Die Beatles waren nun mal die einflussreichste Popband überhaupt, warum sollte ausgerechnet Sean Lennon Death Metal spielen? Außerdem lassen manche seiner Lieder eher an den tragischen Songwriter-Poeten Elliott Smith denken– auch der war ein großer Beatles-Fan.

Als Komponist sollte man Lennon jr. nicht unterschätzen: Seinen Songs fehlt zum Glück die Heulsusigkeit eines James Blunt, sie werden vielmehr von einer schönen aufrechten Traurigkeit getragen. Das bittere Liebeslied „Parachutes“ durchweht ein nostalgisches Cote-d’Azur-Flair, „Spectacle“ und „Wait For Me“ sind wundersam unkitschige Balladen. Sean Lennon ist ein charmanter Plauderer, seine launischen Zwischenansagen sorgen für Gepruste und Gekicher. Seine Mitmusiker, vor allem die souveräne Yuka Honda an den Tasten und der uneitle Leadgitarrist Cameron Greider, geleiten ihn liebevoll auch durch stürmischere Passagen, etwa wenn er sich im lärmig-psychedelischen Outro von „Falling Out Of Love“ als Gitarrensolist erprobt. Sicher nicht die größte Stärke von Sean Lennon, aber diesem Sympathen würde man ganz anderes durchgehen lassen. Der Applaus am Ende ist herzlich und lang anhaltend, er trifft den Ton eines unspektakulären, aber anrührenden Konzerts gut. Jörg Wunder

KUNST

Astlöcher

sehen dich an

Nur ein grob skizzierter Entwurf für ein Glasfenster ist von Otto Freundlich im Mies van der Rohe Haus zu sehen. Trotzdem steht die Kunst dort im Zeichen des Pioniers der gegenstandslosen Kunst: Der 51-jährige Konkrete Martin Noël hat seine „Hommage à Otto Freundlich“ aus abstrakten Formen des 1943 in Majdanek ermordeten Malers, Grafikers und Bildhauers entwickelt (Oberseestraße 60, bis 11.3., Di-Fr 13-18 Uhr Sa u. So 14-18 Uhr).

Noëls 14 „Otto“-Variationen auf Birkenholz sehen wie Druckstöcke aus: Zunächst malt der Künstler die farbenfrohen Rechtecke mit groben Pinselstrichen aufs Holz, dann arbeitet er die Freiflächen mit dem Stechbeitel heraus. Ein sinnliches, beinahe taktiles Seh-Erlebnis. Und die Bilder gucken zurück: Astlöcher blicken einen an wie Augen. Vor allem beim Großformat „Otto # 125“, in dem Noël virtuos vier minimal abweichende Weißtöne zusammenklingen lässt. Manche Farbkombination wirkt sakral, wenn etwa Weiß auf Blattgold trifft. Noël selbst hat von der lebensbejahenden Ausstrahlung gesprochen, die vom Werk seines Idols ausgeht.

Dieses utopische Moment, der unbeirrbare Optimismus des Oeuvres ist in der Tat erstaunlich. Denn Freundlich – dessen Steinkopf „Der neue Mensch“ auf der berüchtigten „Entartete Kunst“-Broschüre prangte – gehörte zu den meistgehassten, auch politisch renitenten Künstlern im „Dritten Reich“. Zusammen mit Mies engagierte er sich in der Novembergruppe. Schon von daher passt die Hommage hervorragend ins Haus Lemke, das der Architekt 1932 entwarf. Jens Hinrichsen

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