Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Luftgitarre auf

dem Bühnenklavier

Pompöser und alberner geht’s kaum, als „Final Countdown“ zur Aufmarschmusik zu wählen, für einen Mann, der mit seiner Nickelbrille eher wie Woody Allens Sohn ausschaut als wie ein Rockstar. Mit seinem Pianopop zitiert Ben Folds munter Elton-John-Kitsch und Queen-Bombast und ist doch eigentlich der nette Punk in Turnschuhen, der alle großen Posen augenzwinkernd auf den Teppich holt. Begleitet von einem grauhaarigen Drummer und einem Bassisten im Fidel-Castro-Shirt, wirft er sich auf der Bühne des Postbahnhof s stehend in die Tasten seines Konzertflügels und klimpert Dick Dales „Misirlou“, als hielte er eine Gitarre in den Händen. Mit einem Saitenposer will er aber keinesfalls verwechselt werden. Das Publikum singt von Anfang an mit, und als Folds aus dem Brüllen eines Zwischenrufers spontan ein neues Lied baut, brüllt im Refrain der ganze Saal gemeinsam. Witzig Dr. Dres „Bitches Ain’t Shit“, das die Band als zarte Ballade mit Chor darbringt. Folds muss selbst lachen. Nach kurzen zwei Stunden endet die Zugabe mit dem alten Ben-Folds-Five-Hit „One Hungry Dwarfs And 200 Solemn Faces“, zu dessen Ende Folds seinen Hocker mehrmals mit Wucht auf den Flügel niederfahren lässt. Doch ein Rockstar.

LITERATUR

Flammende

Verwandtschaft

Es ist stockdunkel. Nur Nikolai Kinskis Gesicht leuchtet, illuminiert von einem Spot. Sein Körper löst sich im Hintergrund auf. Die Umgebung dominiert ihn. Undenkbar bei Vater Klaus Kinski. Dessen spätexpressionistische, teils groteske Lyrik trägt der Sohn in der ausverkauften Bar jeder Vernunft vor, 60 Minuten lang auswendig. Die Gedichte hat Kinski Anfang der fünfziger Jahre geschrieben, jedoch nie veröffentlicht. Sie wurden erst 2001 entdeckt und unter dem Titel „Fieber, Tagebuch eines Aussätzigen“ herausgegeben. Inspiriert von Rimbaud und Villon ist in den Versen schon alles enthalten, was den Vortragsberserker später bei seinen bejubelten Auftritten auszeichnen sollte: Anmaßung und Bosheit, Hass und Aggression, eine hemmungslose Präsenz. „Ich liebe Huren, Diebe und vielleicht auch Mörder.“ Nikolai Kinski , der seinem Vater äußerlich stark ähnelt und der als Schauspieler mit dessen langen Schatten kämpft, versucht erst gar nicht, dessen Vortragsweise zu kopieren. Der 30-Jährige inszeniert sich als Schattenmann, als Geist. Die Spiegel im runden Zelt werfen sein Gesicht vervielfacht in den Saal: „Ich will leben und ich will sterben.“ Er blickt in die Spiegel hinein und aus den Spiegeln heraus. Doch was sieht er, sich selbst oder seinen Vater? Er schaut seinen Worten hinterher, als würde er ihnen nicht trauen. In den Zeilen des Vaters lodern die Gefühle, jederzeit ist mit einem Ausbruch zu rechnen. Bei dem Sohn flackert eine kleinere Flamme, man muss keine Angst haben, sich daran zu verbrennen (noch einmal am 5. März). Sebastian Gierke

ROCK

Kolossale

Jugend

„The Kids Are Alright“, sangen The Who 1965. 2007 findet Pete Townshend die Fratellis gut. Und die Kids sind in Ordnung, im Frannz . Der Saal ist voll, alles in Bewegung. Ein wildes Wabern,Wogen, Hüpfen, Toben. Es ist brütend heiß und brüllend laut. Auf der Bühne stehen The Fratellis , junges Trio aus Glasgow, Gitarre, Bass, Schlagzeug, und ballern Hochenergie-Rock-’n’-Roll- Getöse in die Körper der Fans, die wie die Flummis rhythmisch dotzen, auf und ab, sich an der Musik ergötzen. Die auch mal klingt wie die Stones 1963 im Refrain ihrer ersten Single „Come On“. Die Kids stechen Zeigefinger in die verqualmte Luft. Dann klingen die Fratellis nach Clash, nach Beatles-Harmonien, nach der Wildheit von The Jam. Nur leider viel zu laut, wodurch der Sound zur trüben Matschbrühe wird. Rauer, ungehobelter als auf ihrem Debüt-Album „Costello Music“ sind die Jungs auf der Bühne ohnehin. Stakkato-Akkorde auf der Telecaster. Schwere Midtempo-Riffs auf der ES 335. Hübscher Höllenlärm. Eine Prise psychedelisches Gitarrengezwiebel. Und dann gerät der Saal vollends aus den Fugen, größte Verzückung, und alle singen die schöne Mitgröl-Hymne: „dödelöpp-dödelöppdödelödelödelöpp.“ „Chelsea Dagger“, ein guter Song für so einen Abend. Und es gibt noch einen Nachschlag: ein bisschen Iggy-Pop-Gepunke und „Oh La La“, elektrischer Boogie mit Marc-Bolan-Gesang, T.Rex-Gitarre, Led-Zeppelin-Riff. Alles da, alles vorbei nach einer Stunde. H.P. Daniels

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