Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Lärmendes

Arbeiterkind

Eric Goulden ist voller Geschichten. Was ihm so passiert, unterwegs auf Tour, wie in Hamburg: „Blimey, that fuckin’ Rock’n’Roll Hotel ... !“ Als er im Mudd Club angekommen sei, wollte man ihn nicht reinlassen. Aber er würde doch hier auftreten: „It’s me, Eric Goulden, Wreckless Eric !“ Der Mudd-Club-Mann schien schwer enttäuscht: „cause I looked so fuckin’ normal!“ Als Kind hatte er mal dran gedacht, Busfahrer zu werden, schreibt Eric in seinen Memoiren „A Dysfuntional Success“. Aber dann wollte er Rockstar werden. Nicht wegen des Ruhms, mehr wegen des schönen Lärms, den er machen könnte. Er lässt einen schweren Akkord in die Akustikgitarre krachen. Gibt den wilden Shouter. Tollen Lärm macht er immer noch, wenn er auch als Rockstar nicht mehr ganz so berühmt ist wie in den 70ern, als er neben Elvis Costello, Ian Dury, Nick Lowe, Graham Parker zu den aufsteigenden Sternen des legendären Londoner Punk/New-Wave-Labels „Stiff“ gehörte.

Aber auch mit 52 Jahren hat er die coolen Bewegungen noch drauf. Und die schönen Popmelodien zu punkigem Gehämmere und wüstem Krähen. Da kommt es nicht drauf an, ob jeder Ton sitzt oder ob die Intonation mal wegrutscht. Es ist die Leidenschaft, die rohe Energie, der gute alte „Working Class Spirit“, der seinen Auftritt zum großen Erlebnis macht. Und seine nicht minder wunderbare Partnerin Amy Rigby, die große hübsche Amerikanerin, mit der der kleine struppige Engländer betörend schräge Duette singt. Und dann drehen sie noch mal mächtig auf mit Erics Hits der 70er: „Whole Wide World“ und „Take The Cash“. Umwerfend!

KUNST

Knochen in

Samt und Spitze

Nach der Entdeckung Indiens als Wirtschaftswundernation, der Verortung im vergangenen Jahr als Leseland hat nun die Eroberung des Kunstkontinents begonnen. Zahlreiche Ausstellungen begleiteten 2006 die Frankfurter Buchmesse mit Schwerpunkt Indien; dem westlichen Publikum blieb vieles dennoch fremd. Nun aber kommt Indiens Kunst im gewöhnlichen Ausstellungsbetrieb Europas an – und wirkt wie eine erfrischende Belebung, auf die das Business lange schon gewartet hat. Die Sammlung Daimler-Chrysler liefert eher unfreiwillig den Beweis dafür, wie unverbraucht diese Kunst erscheint im Vergleich zu den routinierten Produktion hiesiger Provenienz, indem sie ihre Schätze mit Werken aus der Kollektion Lekha und Anupam Poddar im Weinhaus Huth geradezu lieblos zusammenstellt (Alte Potsdamer Str. 5, bis 20. 5., tägl. 11–18 Uhr) . Die Malerei von Tamara K. E. wirkt auf einmal tranig, die Schnitzereien von Tobias Hauser wie Kunsthandwerk und David Salles Auftragswerk für Daimler-Chrysler mit obligatorischem Brandenburger Tor nur noch langweilig-repräsentativ. Die Fotografien von Dayanitha Singh dagegen erzählen noch Geschichten wie jene vom Eunuchen Mona Ahmed, sind aufgeladen mit einer dramatischen Untergründigkeit, wie sie nur stille Wasserflächen suggerieren können. Grandios Shilpa Guptas Videoinstallation, die britische Bauwerke aus Bombay kaleidoskopartig an die Decke projiziert. Die Künstlerin selbst erscheint verkleidet als stilisierte Kriegerin, ebenfalls mehrfach multipliziert auf einem virtuellen Himmelszelt, das die hegemoniale Setzung kolonialer Architektur in poetische Splitter zerlegt. Anitas Dubes in Samt und Spitze gefasste Knochenobjekte, die in einem „drawing- room“ arrangierten erotischen Zeichnungen von Mithu Sen oder die umwerfende Körperperformance von Sonia Khurana als nackter „Vogel“ – sie alle besetzen starke Positionen und zeugen von einem Aufbruch insbesondere der Künstlerinnen Indiens. Ihre vollgültige Ankunft in Europas Mitte ist nur noch eine Frage der Zeit. Nicola Kuhn

KLASSIK

Bescheidenheit

ist eine Zier

Auf den ersten Blick könnte man das Applausverhalten Alexander Toradzes schon fast für Koketterie halten. Beharrlich weigert er sich, den Beifall des Publikums allein entgegenzunehmen, obwohl er in der Philharmonie gerade eines der schwierigsten Konzerte der ganzen Klavierliteratur absolviert hat. Immer wieder hatte er sich in Prokofjews zweitem Klavierkonzert zum Orchester gewandt und den DSO-Musikern zugehört – einer, der nicht glänzen, sondern Musik machen will. Es ist ein überraschend warmherziges Prokofjew-Bild, das der Georgier entwirft: kraftvoll und mit blitzschnellen Reflexen, aber zugleich auch mit einem singenden Ton voller schillernder Farbvaleurs, der das Gegengewicht zu den pianistischen Sperrfeuer-Episoden bildet. Nicht diese, sondern die wunderbar gelöst gespielten Ruhezonen werden bei Toradze zum Gravitationszentrum des Werks.

Prokofjews Zweites wird so zum Abgesang auf das romantische Klavierkonzert: Bei seinen Versuchen, den scheinbar erschöpften Dialogmöglichkeiten zwischen Klavier und Orchester unter Einsatz aller Mittel doch noch einen Sinn abzuringen, wird der Pianist in diesem Stück immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen – und aller Bombast fällt bis auf die musikalische Keimzelle der schlichten Melodie zusammen. Vergleichbare Erkenntnisse kann Gianandrea Noseda, der Chef des Londoner BBC-Orchestra, in Schostakowitschs neunter Sinfonie nicht vermitteln: Straff und energisch als „Sinfonie classique“ gespielt, bleibt das Stück ohne die Kontrastmittel von Sarkasmus und Seelenschmerz doch etwas zu eindimensional. Mehr Dunkel, bitte! Jörg Königsdorf

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