Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

KLASSIK

Orpheus aus der

Buddelkiste

In einem riesigen Sandkasten spielen Orfeo und seine Freunde große Oper. Monteverdis Musik ist für einige Streicher, Cymbalon und E-Gitarre bearbeitet und wird immer mal wieder von einer Schauspielerin unterbrochen, die rhetorische Fragen und Sentenzen beisteuert. Hat die Apokalypse bereits stattgefunden oder befinden wir uns doch nur in einer großen Buddelkiste? In Hamburg wurde die Neufassung des frühbarocken Meisterwerks auf Kampnagel gefeiert, und auch beim Gastspiel im Radialsystem V zeigt die theatralische Konzeptkunst einige starke Momente. Musikalisch rücken die Arrangeure Tobias Schwenke und Titus Engel das bruchstückhaft überlieferte Werk mit E-Gitarre und Keyboard mal ganz nah und mit Cymbal statt Cembalo dann wieder exotisch weit weg.

Die ausdrucksstarke Catrin Kirchner spielt als Orfeo verschiedene Rhythmen und musikalische Stile durch in ihrer Klage um Euridice, auch das Orchester greift gelegentlich in die Handlung ein. Das schön ausgedachte Konzept von Regisseur Andreas Bode hat sich aber bald erschöpft, denn das schauspielerische Niveau ist durchaus nicht auf der Höhe des dramaturgischen Gedankens. Einige hübsche Gags sollen die Fallhöhe des Erhabenen abmildern und verfehlen ihre Wirkung nicht. Der Erkenntnisgewinn bleibt indes überschaubar. „Haben Sie es schon mal mit Selbstmitleid versucht?“, fragt die Schauspielerin. Haben wir, hat nicht geholfen. Monteverdis „Orfeo“ erweist sich gerade dort, wo er weitgehend im Original erklingt, als bedeutend stärker als seine Bearbeiter. Das ist doch auch eine schöne Erkenntnis (heute und morgen, 20 Uhr).

THEATER

Peanuts und

Bananenschalen

Als sich Filmproduzent David O. Selznick Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in das Abenteuer stürzte, Margaret Mitchells Monumentalroman „Vom Winde verweht“ auf die Leinwand zu bringen, hielt man das für die Idee eines nicht Zurechnungsfähigen. Zumal Selznick nach kurzer Zeit die Dreharbeiten stoppte, sich von Regisseur George Cukor trennte und auch den Drehbuchentwurf von Sidney Howard verschmähte. F. Scott Fitzgerald bastelte mit am neuen Buch, Ben Hecht und auch Selznick selbst. Den „Zuschlag“ als Regisseur erhielt Victor Fleming. Trotz dieser Turbulenzen machte Selznick den Film mit Vivien Leigh und Clark Gable zu einem der größten künstlerischen und finanziellen Erfolge der Filmgeschichte.

Der Dramatiker Ron Hutchinson feiert in seinem Theatertext „Mondlicht und Magnolien“ die Kraft einer himmelstürmenden Vision. Aus dem jüdischen Produzenten Selznick macht er einen Helden zwischen Härte, Schläue, Überredungskunst und Charme, einen unnachsichtigen Tyrannen – und hinreißend liebenswerten Menschen. In seinem Büro trommelt der Mächtige seine Wunschkandidaten zusammen – Regisseur Fleming und Autor Hecht. Ein neues Drehbuch muss her! Es beginnt ein Fünf-Tage-Martyrium, ein Gang durch die Hölle. Drei Männer kämpfen mit- und gegeneinander bis zur Erschöpfung, mit allen Mitteln. Dann ist das Unmögliche geschafft, der Film geschrieben und „vorgespielt“ – er muss nur noch gemacht werden. Hutchinson rafft den komplizierten Entstehungsprozess des Drehbuchs auf eine kurze Zeit zusammen, den Erinnerungen Ben Hechts folgend. Allerdings wird eben nicht Ben Hecht, sondern Sidney Howard offiziell als Autor des Films ausgewiesen und mit einem der fünf Oscars für „Vom Winde verweht“ ausgezeichnet.

Im Berliner Renaissance Theater hat Tina Engel die blendend gescheite, atemlos abenteuerliche Geschichte inszeniert. Sie hat ein Gespür für die ironischen Brechungen, mit denen Hutchinson das kitschgrundierte Erzählwerk angeht. Werner Hutterli baut das Selznick-Büro als Verlängerung des Zuschauerraumes auf die Bühne, hoch, im dunklen Holzton, fast schon zu edel. Raum genug aber für Geburtswehen, für schöpferische Qual und Lust der drei Streithähne unter Einsatz und Verschleiß des gesamten, schließlich von Bananen- und Erdnussschalen übersäten Mobiliars.

Das Tempo ist hoch, und gerade deshalb erzeugen die Phasen der Erschöpfung, des Stillstands, der inneren Abwesenheit und Verstörtheit der Filmarbeiter eine hohe Spannung. Boris Aljinovic als Ben Hecht führt seine Figur zurückhaltend, mit Bedacht, er bleibt zumeist leise, bringt einen Hauch Tragik ein – die Meisterschaft des Schreibers ist eben nur Voraussetzung für den Ruhm anderer. Jürgen Tarrach darf und muss als David O. Selznick aus dem Vollen schöpfen, spielt den rundlichen Boss mit der befehlsgewohnten Stimme, der sich ins Zeug legt. Das hat mitunter eine Leidenschaft, deren Rücksichtslosigkeit Tarrach humorvoll zu brechen gelingt – es bleibt ein übermütiges Spiel, das die drei Männer und die kühl zurückhaltende, unauffällige Sekretärin (Barbara Kowa) im Büro untereinander ausmachen. Guntbert Warns als Victor Fleming fällt dabei eine Art Vermittlerrolle zu – den Augenmenschen, den in Bildern denkenden Regisseur stellt er als neugierigen Beobachter auf die Bühne. Den Versuch, auf dem Grund der Abgespanntheit eine Banane zu schälen und zu essen, macht er zu einer köstlichen Studie völliger Entrücktheit aus aller Realität (fast täglich bis 1. April, jeweils 20 Uhr). Christoph Funke

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