Kultur : KURZ & KRITISCH

Sebastian Handke

PANORAMA

Lebe das Leiden:

„When Darkness Falls“

Eine erfolgreiche Journalistin ist den Schlägen ihres Mannes ausgesetzt. Ein Türsteher gerät ins Visier eines Mafiagangsters. Zwei junge Immigrantinnen verletzen den „Ehrencode“ ihrer Familie. Drei Geschichten von Menschen, die sich wehren – gegen soziale und häusliche Gewalt, hervorgegangen aus falschem, verletzten Ehrgefühl. Ein ungewöhnlicher schwedischer Thriller, ambitioniert und manchmal aufreibend, der allerdings auch seine Schwächen hat.

Als Episodenfilm jedenfalls ist „When Darkness Falls“ nicht gelungen: Die Dynamiken der Handlungsstränge sind so unterschiedlich, dass sie sich kaum verknüpfen lassen. Die thematische Verbindung allein aber ist zu schwach, um sie zu einem kraftvollen Ganzen zu formen. Nicht hilfreich ist das Ende des Films, das die Fäden zusammenführt und sie mit einer moralischen Aufgeräumtheit abschließt, die überhaupt nicht zu diesem Film passt. Das teilweise mit Laien besetzte, recht realistische Werk bekommt da plötzlich etwas ausgesprochen Gekünsteltes.

Dennoch ist „When Darkness Falls“ sehenswert, und das liegt vor allem an der ungeheuer beklemmenden, mit der sicheren Hand eines erfahrenen Thriller-Regisseurs inszenierten Geschichte um Leyla (Oldoz Javidi) und Nina (Bahar Pars). Ehrenmord ist in ihrer Familie ein anerkanntes Mittel, um den Familienruf wieder instand zu setzen. Die ganze Sippe trifft sich schließlich in Deutschland, angeblich, um Ninas „beschmutzte“ Ehre durch eilige Vermählung mit einem Cousin zu retten – was dann aber passiert, an einer Raststätte bei Hamburg, das geht einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf.

Anders Nilssons Film hat keine schöne Botschaft: Viele Menschen leben in Angst, auch unter uns und aus ganz verschiedenen Gründen. Es gibt ein von beiden Seiten akzeptiertes Machtverhältnis, das hier nicht etwa deshalb aus den Fugen gerät, weil es zu einer inneren Befreiung käme, sondern nur, weil der jeweils Stärkere seine Machtausübung ein einziges Mal überspannt – und dadurch erst zur Gegenwehr reizt. Ansonsten bliebe wohl alles beim Alten. Diejenigen aber, die sich zur Wehr setzen, sind zwar erfolgreich, müssen am Ende aber gehen. Nilsson mag für seine drei Hauptfiguren einen hoffnungsvollen Ausgang bereit halten – im Grunde aber liegt seinem Film ein unausgesprochener, tiefer Pessimismus zu Grunde.

Heute 21.45 Uhr (Zoo-Palast), 10. 2., 17.30 Uhr (Cinestar 3), 14. 2., 14 Uhr (International), 17. 2., 22.30 Uhr (Colosseum), 18. 2., 21.30 Uhr (Zoo-Palast)

FORUM

Lobe den Alltag:

Charles Burnetts „Killer of Sheep“

Auf dem schmächtigen Körper des kleinen Mädchens, das sich gedankenverloren mit einem Fuß am anderen kratzt, sitzt ein dicker Bernhardinerkopf mit traurigen Augen. In dessen Maul hat das Kind eine Hand gesteckt, so dass der zweibeinige Hund sich am Kinn zu kratzen scheint. Die Kamera kann sich kaum lösen von diesem komisch-melancholischen Anblick: Sie hält auf das Mädchen, das einfach nur in der Gegend herumsteht und durch die Augenschlitze in der Maske Löcher in die Luft guckt. Der große Bruder kommt vorbei und tätschelt den Hundekopf. Es ist Sommer, die Straßen sind staubig; mit Zäunen angedeutete Vorgärten umgeben die einfachen Häuschen in diesem Vorort von Los Angeles, der ausschließlich von Afroamerikanern bewohnt ist. Ein Mann mäht den Rasen, Jugendliche tragen einen Fernseher – offenbar geklaut – an seinem Grundstück vorbei, der Alte schimpft, die Jungen pöbeln zurück – bereits im rappenden Stil der home boys aus der Bronx. Zwei Männer trinken Kaffee an einem Tisch und spielen Domino. Eine Frau richtet sich in der Küche mit Hilfe eines Handspiegels die Haare.

Charles Burnett erzählt eine Familiengeschichte. Spannender sind die Alltagsbeobachtungen aus dem Ghetto, die der Regisseur, Autor, Kameramann, Cutter und Produzent dieses Films vor 30 Jahren aufgezeichnet hat. Es agieren ausschließlich Laiendarsteller, gedreht wurde auf grobkörnigem Schwarzweiß-Material, oft mit überlappendem Ton, so dass am Anfang einer Szene noch der Dialog aus der letzten zu hören ist oder einfach Straßengeräusche. Burnett hält seine Einstellungen lange, Leute laufen ins Bild hinein, andere hinaus; einmal, als er zwei Männer durch eine Tür filmt, stellt sich plötzlich eine Frau in den Türrahmen, und nun sieht man nur noch ihren Rücken. Angeschnittene Körper ragen ins Bild hinein, oft sieht man die handelnden Personen aus leichter Untersicht, so dass surreale Effekte entstehen: Kinder springen über die schmalen Lücken zwischen den Häusern von Dach zu Dach, von unten betrachtet mit dem Himmel als Hintergrund, scheinen sie zu fliegen.

„Killer of Sheep“ ist 1977 jenseits des gefeierten New Hollywood-Kinos entstanden und wurde damals kaum wahrgenommen. Charles Burnetts Film, künstlerisch wie politisch ein großer Wurf, ist jedoch im Gegensatz zu vielen anderen Filmen der siebziger Jahre nicht gealtert. Ein echter Klassiker. Daniela Sannwald

Heute 16 Uhr (Delphi), 10. 2., 10.30 Uhr (Cinestar 8) und 22.30 Uhr (Arsenal)

FORUM

Liebe das Leben:

„Tuli“ von Auraeus Solito

Die Darstellung einer verbotenen Liebe hat Auraeus Solito im vergangenen Jahr einen Teddy Award eingebracht: Sein Film „The Blossoming of Maximo Oliveros“ handelte von einem frühreifen 12-Jährigen, der einen Polizisten begehrt. Auch in „Tuli“ geht es um eine verbotene Liebe: In einem abgelegenen, rückständigen Dorf auf den Philippinen zeigen zwei junge Frauen kein Interesse an ihren männlichen Verehrern und bilden stattdessen eine lesbische Lebensgemeinschaft. Als es in der Gegend zu mysteriösen Erkrankungen kommt, wird das Paar der Hexerei verdächtigt.

Bemerkenswert erscheint weniger der Inhalt als dessen eigenartige Umsetzung. Solito ist entweder ein Dilettant oder ein radikaler Einzelgänger, der alle Regeln missachtet. Vielleicht ist er auch beides? Die Handlung setzt erst zur Hälfte des Films ein, bis dahin werden ohne erkennbares Ziel Stimmungen eingefangen. Vier Jungen treten zur Beschneidung an, ein Mädchen erlebt häusliche Gewalt, ein Hausherr trinkt sich zu Tode. Auf der Tonspur sind keine philippinischen Klänge zu vernehmen, sondern europäische Klaviermusik, die zuweilen an Stummfilmuntermalung erinnert.

Der Humor ist manchmal unfreiwillig, etwa wenn der Jesus-Darsteller in einem dörflichen Passionsspiel den Lendenschurz verliert und ihn nicht festhalten kann, da er am Kreuz hängt, oder wenn Maria Magdalena sich plötzlich übergibt. Filmische Vorbilder? Murnaus „Tabu“, Pasolinis Historienfilme mit ihren bewussten Anachronismen – allerdings auch David Hamilton. „Bilitis“-Kitsch dominiert die durch rote Vorhänge aufgenommenen lesbischen Liebesszenen. Und doch kann man dem Regisseur nicht böse sein: Seine Naivität wirkt authentisch. Frank Noack

Morgen 17.30 Uhr (Arsenal), 11. 2., 12.30 Uhr (Cubix 7), 13. 2., 19.45 Uhr (Cinestar 8)

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