Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Hausgötter, die

nach Freiheit streben

Joseph Haydn und Simon Rattle – das ist Musizieren als blitzende Trutzburg gegen die Gemeinheiten des Lebens, mit Wällen aus Witz, Zugbrücken aus Charme und rein rhetorischen Hinterhalten. Wenn die Luft um den Philharmoniker-Chef dünn wurde, dann zeigte ein Haydn-Konzert mit seinen Musikern wieder die wahre Größe, Abenteuerlust und Souveränität dieser Verbindung. Haydn avancierte zum guten Hausgeist, dem die Berliner Philharmoniker im Februar mit einem kleinen Festival huldigen, zuerst mit der „Schöpfung“, jetzt mit einer ersten Lieferung Symphonien, die zweite folgt nächste Woche.

Zwei Werke aus dem Sinfonien-Dreierträger des Abends hatten Rattle und seine Musiker bereits früher gemeinsam gespielt (Nr. 88 und 90), die Nummer 89 trat ganz frisch einstudiert dazu. Wiederhören und neu entdecken – ein anspruchvolles Vorhaben, dem es zunächst hörbar an Adrenalin fehlte. Jenes Extraquäntchen Wachheit, das auch aus dem Bewusstsein möglichen Scheiterns entspringt, war der philharmonischen Schar fremd. Ob man sich schon so sicher im historisch informierten Interpretationsstil fühlt, so heimisch in dem, was als Philharmoniker-Klang daraus erwachsen kann? Hausgeister, nach Freiheit strebende zumal, reagieren auf solches Abflachen der Begeisterungskurve mit Protest. Sie stoßen die Türen zu, hinter denen die Resonanzräume verborgen sind, und die musikalische Gegenwart verliert an Nachhall. So bedurfte es der furiosen Jagden der 90. Symphonie und ihres hochdramatischen Trugschlusses, um aus freundlichem Beifall in der Philharmonie einen frenetischen zu zaubern. Da hat Haydn noch mal ein Einsehen gehabt. Schließlich soll die Rattle-Bande weiter für ihn reiten. Aber bitte mit offenem Visier. (noch einmal morgen, um 20 Uhr)

THEATER

Menschen, die nach

dem Herrgott suchen

Mit der zehnteiligen Filmreihe „Dekalog“ unternahm der polnische Filmregisseur Krzystof Penderecki 1988 und 1989 den Versuch, die Spiritualität im Alltag des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts zu entdecken – und in Frage zu stellen. Menschen aller Schichten suchen in zehn, um die christlichen Gebote herumgebauten Episoden nach Sicherheit, nach Dauer, nach einem das Gewöhnliche überwölbenden Auftrag für ihr Dasein. Sie sind verstrickt in Schuld, sie scheitern an großen und ganz unbedeutenden Aufgaben, sie wollen sich stolz bewähren und fallen zurück ins Kleinliche. Die hohe, wenn auch meist unausgesprochene religiöse Forderung steht dabei dem Niederen entgegen – Diebstahl, Mord, Betrug, Ehebruch behaupten das Feld.

Im Studiotheater bat der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ hatte jetzt Regiestudent Robert Borgmann den Mut, Kieslowskis ausladendes Filmwerk unter dem Titel Die zehn Gebote – Dekalog auf die Bühne zu bringen. In einer Textfassung, die mit politischen Traktaten und philosophischen Bekenntnissen (Hannah Arendt), mit Dialogen, Liedern, Kommentaren die zehn Episoden neu deutet. Die acht Darsteller, darunter Schauspielstudenten, meistern die komplexe Sinnsuche staunenswert souverän. Sie heben die im Theater sonst übliche „Dauer“ der Figuren auf, setzen sie ständigem Wandel aus, führen sie auf immer neue Ebenen des Spiels. Einfachste Requisiten, Stühle, Telefon, eine Sicherheitsschleuse genügen, Bindungen herzustellen zwischen dem Unvereinbaren. Auf der Suche nach einem das Leben erhellenden Licht scheuen Regisseur und Darsteller keine Gedankenqual, lassen aber auch der trotzig heiteren Bemühung um Auswege aus dem Verqueren, Sinnarmen Raum. Rätsel werden nicht gelöst, sollen nicht gelöst werden – Jesus als ironischer, verführender Begleiter und Mittäter aller Geschichten bleibt selbst in die Ratlosigkeit geworfen. (Weitere Vorstellungen heute und am 1., 9. und 11. März, um 20 Uhr) Christoph Funke

THEATER

Compañeros, die sich

rosa knutschen

„Wir müssen TINA überwinden“, verkündet Niels Bormann und guckt engagiert. TINA, das steht für „There Is No Alternative“ und ist die gedankliche Wurzel allen falschen Einverständnisses mit den Ungerechtigkeiten des Systems. Eine gemeinsame Vision muss her. Dass das ziemlich schwierig ist, zeigt die Gruppe Lubricat um Regisseur Dirk Cieslak in How to take over , dem dritten Stück ihrer Doku-Serie Zornige Menschen in den Sophiensälen . Die Realitätsrecherche, die dem Stück zugrunde liegt, beschäftigte sich mit der nach der argentinischen Wirtschaftskrise 2001 entstandenen Bewegung von Arbeitern, die ihre Betriebe übernahmen, nicht aus revolutionären, sondern aus pragmatischen Gründen – schließlich muss das Essen auf den Tisch, auf der Bühne in Gestalt von (amerikanischem!) Sandwichbrot.

Die fünf internationalen Lubricat-Compañeros bilden auf der Bühne so eine kooperative Keimzelle, spielen verschiedene Rollen durch, sind unsolidarisch oder trommeln sich in Wir-Stimmung, ätzen sich an oder knutschen sich die Gesichter rosa. „Das ist mein Traum!“ „Nein, meiner!“ Gut, dass das Stück sich trotz der Demo-Parolen und berechtigt zornigen Agitationsreden nicht allzu ernst nimmt.

Eine Bewegung ist ja mmer auch Bewegungs-Theater, das zeigt Tatiana Saphirs wilder Widerstandstanz. Doch bei dem ganzen Augenzwinkern fragt man sich zugleich: Was will’s? Revolutionäres Bewusstsein wecken, um die ironische Ecke gedacht? Am Ende ist es doch nur Politainment, wenn auch witziges. (Weitere Vorstellungen heute und am 11., 14. bis 18. Februar, um 20 Uhr) Jan Oberländer

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