Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

PANORAMA

Weinen und weitermachen:

„Tamara“ von Peter Kahane

Irgendwann in den Achtzigern tauchte eine neue Rockband aus der DDR auf. Mit ihren riesigen Köpfen, monströs plusterigen Haargebilden und einer etwas plunzigen Sängerin in seltsamer Kostümierung wirkten sie wie Comicfiguren. Sie spielten eine Mischung aus überkandideltem Bombastrock, künstlichem Synthesizer-Sound, Neuer (Ost-)Deutscher Welle und aufgemotzten Schlagern. Und hatten mächtig Erfolg damit.

Peter Kahane erzählt in seiner Doku „Tamara“ die Geschichte der Band Silly und ihrer energischen Sängerin Tamara Danz bis zu deren Krebstod am 22. Juli 1996. Und darüber hinaus. Denn gemäß ihrem Wunsch haben die Zurückgebliebenen weiter Musik gemacht. Zu ihrem Gedenken und dem des 2005 ebenfalls gestorbenen Drummers Herbert Junck gab es im letzten Jahr eine große Silly-Reunion. Und wieder hören wir den alten Bombast, sehen tobende Fans, Nebel, Licht. In Schwarzweiß schauen wir immer wieder in alte Fotoalben: Die kleine Diplomatentochter Tamara aus Thüringen, beim Spielen auf dem Land, eine trotzige Jugendliche im grauen Ostberlin.

Keyboarder Ritchie Barton berichtet mit erstaunlicher Offenheit von seiner langjährigen Liebesbeziehung zu Tamara Danz. Bis sie mit dem Gitarristen Uwe Hassbecker eine neue Liaison einging. Auch Hassbecker spricht ohne Allüren von den schweren Zeiten des Beziehungswirrwars innerhalb und außerhalb der Band. Im letzten Teil lassen uns Barton, Hassbecker und Bassist Jäckie Reznicek derart anrührend teilnehmen an ihren Erinnerungen, dass sogar der entfernte Betrachter das Gefühl teilen kann, es sei eine nahe Freundin gestorben.

Heute 20 Uhr (Cinestar 7), 13. 2., 15.30 Uhr (Colosseum), 15. 2., 17 Uhr (Cinestar 7)

FORUM

Staunen und taumeln:

„Prater“ von Ulrike Ottinger

Kleine Puppen, große Puppen, menschliche, tierische, außerirdische. Es wackelt und ruckelt, schaukelt und zuckelt. Augendeckel klappen auf und zu, es piept, grunzt und grummelt, kreischt und bimmelt. Als Eldorado billiger Artefakte führt Ulrike Ottinger den seit dem späten 19. Jahrhundert bestehenden und immer wieder neu erschaffenen Wiener Prater ein, diese Mutter aller Lunaparks. Dass der Prater mehr zu bieten hat als grellen Kitsch, erweist sich im Verlauf des Films. Ottinger hat Bilder des heutigen Praters mit historischen Fotos, Plakaten und Filmausschnitten montiert. Sie hat Interviews mit Prater-Veteranen geführt und Literaten und Schauspieler eigene und fremde Texte lesen lassen, die von der Faszination Lunapark erzählen.

Die Filmemacherin selbst zieht mit staunendem Kameraauge von Attraktion zu Attraktion. Sie kann sich offenbar gar nicht satt sehen und wie nebenbei fängt sie wunderbare Szenen ein: Eine indische Großfamilie in prächtigen Gewändern lässt sich beim Nostalgie-Fotografen mit k.u.k.-Kostümen ausstaffieren. Und eine Männergruppe in strammen Lederhosen und Kniestrümpfen zeigt verblüffende Ähnlichkeit mit einer automatischen Affenkapelle. Ulrike Ottinger dreht seit zwanzig Jahren Reisefilme, und man konnte ihr bisher nicht vorwerfen, dass ihre Filme zu kurz sind. „Prater“ ist leider nur knapp über hundert Minuten lang, und wenn er zu Ende ist, fühlt man sich wie nach einer Karusselfahrt: ein bisschen schwindlig und ein bisschen glücklich. Es hätte ruhig noch weitergehen können. Daniela Sannwald

Heute 16.30 Uhr (Delphi), 11. 2., 14 Uhr (Cinestar), 12. 2., 22.15 Uhr (Cubix 9), 18. 2., 10 Uhr (Arsenal)

FORUM

Überleben und erinnern:

„Le Cercle des noyés“

Landschaften, zu paradiesisch schön, um wahr zu sein: Großzügig sind Wohnhäuser und Palmengruppen in den Hügeln ausgestreut, dazwischen Esel, die ihre Arbeit tun. Vorne eine große Herde Kamele. Und im Hintergrund des feinziselierten grau-schwarz-weißen Filmbildes thront über allem ein großer schwarzer Kasten auf einer Hügelkuppe. Oulata heißt der Koloss und ist ein altes Wüstenfort aus der französischen Kolonialzeit, das nach 1986 von der mauretanischen Regierung zur Internierung politischer Gefangener genutzt wurde. Diese waren meist Intellektuelle, die für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerungsgruppe im islamischen Vielvölkerstaat Mauretanien kämpften. Einer von ihnen ist Bâ Fara, jetzt ein alter Mann, der uns diesen Film erzählt. Sein Bericht ist ebenso nüchtern wie kunstvoll verdichtet aus den Stimmen der Überlebenden und der an Hunger, Gewalt und Krankheiten verstorbenen Opfer. Die wüstensanddurchwehten Bilder sind Rekonstruktion ehemaliger Tatorte und Traumansichten zugleich: Langsam schwenkt die Kamera aus einer dunklen Kochecke auf die Menschen draußen im gleißenden Licht, die nichtsahnend ihren Tagesgeschäften nachgehen.

Der belgische Regisseur Pierre-Yves Vandeweerd hat „Le Cercle des noyés“ in langen Jahren mit Bâ Fara und anderen ehemaligen Gefangenen von Oulata erarbeitet, die damals den sogenannten „Kreis der Ertrunkenen“ bildeten. Dabei nimmt auch der Film die Kreisform auf, um in einem fast magischen Reigen der Beschwörung die Erinnerungen an die Toten und das Leiden dem Vergessen zu entreißen. Ein wichtiges historisches Dokument: Doch wie jedes Kunstwerk, das sein Sujet ernst nimmt, geht auch Vandeweerds Film über seinen konkreten Anlass hinaus. Nach einem erfolgreichen Putsch im August 2005 ist Mauretanien vielleicht auf dem Weg zu mehr Demokratie. Gequält und gefoltert aber wird weiter minütlich, auch in unserem Teil der Welt. Silvia Hallensleben

Heute 20.15 Uhr (Arsenal), 11. 2., 15.15 Uhr (Cubix 7), 13. 2., 12.30 Uhr (Cinestar 8)

PANORAMA

Umdrehen und verstehen:

„Home Song Stories“ von Tony Ayres

Jeder hat eine Geschichte, die ihn definiert, und diese hier ist meine: So beginnt Tony Ayres’ sehr persönlicher Film über seine Kindheit und das zwiespältige Verhältnis zur eigenen Mutter: Rose (Joan Chen) ist Sängerin in den Nachtclubs von Hongkong, eine stolze, aber rastlose Frau, die ohne Rücksicht auf ihre beiden Kinder von Mann zu Mann zieht und von Wohnung zu Wohnung. Sie heiratet einen australischen Offizier – und verlässt auch ihn nach nur einer Woche. Rose wird von Krisen heimgesucht, die mit zunehmendem Alter immer heftiger werden: mehrere Suizidversuche müssen die Kinder erleben, und die unerwiderte Liebe des Sohnes wandelt sich allmählich in leisen Hass.

„Deine Mutter ist krank im Kopf“, sagt ein Arzt zu dem Jungen, und der Film gibt rückblickend auch Indizien dafür, warum das so ist. Glücklicherweise widersteht Ayres der Versuchung, die unstete Lebensgeschichte in eine einfache Krankenakte zu verwandeln. „Home Song Stories“ ist immer auch Hommage an die Mutter, und daher schön fotografiert – aber doch ganz eingenommen von Joan Chen, deren Porträt dieser komplizierten Frau selbst dann noch beeindruckt, wenn der Film in seiner Aneinanderreihung von Selbstmordversuchen mechanisch zu werden droht. Sebastian Handke

Heute 22.45 Uhr (Cinestar 3), 11. 2., 14.30 Uhr (Cubix 9), 12. 2., 22.30 Uhr (Cubix 7 & 8)

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