Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

FORUM

Kämpfen für eine Chance:

„Armin“ von Ognjen Svilicic

Bis Zagreb sagt Armin kein einziges Wort. Erst als er mit seinem Vater Ibro endlich in der kroatischen Hauptstadt ankommt, spricht der 14-Jährige zum ersten Mal. Armin (Armin Omerovic-Muhedin) und Ibro (Emir Hadzihafisbegovic) stammen aus einem bosnischen Dorf und wirken deplatziert in dem teuren Hotel mit dem englischen Namen. Doch hier wartet eine große Chance auf sie: Eine deutsche Firma veranstaltet ein Film-Casting (als Assistentin: Marie Bäumer). Vater und Sohn hoffen, dass Armin eine Rolle bekommt. Doch bald wird klar, dass der Junge der Crew zu alt ist. Da hilft es auch nicht, dass Ibro verzweifelt darum kämpft, dass der Regisseur sich wenigstens einmal Armins Akkordeonspiel anhört. Es ist rührend und traurig zugleich, wie dieser einfache Mann versucht, seinem Sohn ein Gefühl von Gleichwertigkeit zu geben. So wirft er beim Ausgehen mit Geld nur so um sich, ohne zu merken, dass das erst recht provinziell wirkt. Armin schaut seinen Vater stets ein bisschen skeptisch von der Seite an. Er weiß, dass sie hier in einer völlig anderen Welt sind, obwohl dies früher mal ein Land war und ihr Dorf nur wenige hundert Kilometer entfernt ist. Regisseur Ognjen Svilicic, der vor zwei Jahren bereits mit seiner klugen Tragikomödie „Oprosti za Kungfu“ zu Gast im Forum war, gelingt es in einem starken letzten Viertel, der Dynamik zwischen Vater und Sohn eine entscheidende Wendung zu geben: Die beiden überwinden ihre Distanz und bewahren ihren Stolz. Es ist ein überzeugender Schluss für diesen kleinen, genauen Film, der nebenbei auch den klischeehaften Blick auf „den Balkan“ problematisiert.

Heute 22.15 Uhr (Cubix 9), 12. 2., 18 Uhr (Arsenal), 16. 2., 14.30 Uhr (Zoo-Palast), 18. 2., 15 Uhr (Cinestar 8)

PANORAMA

Raven für den Frieden:

„The Bubble“ von Eytan Fox

Alltag in Tel Aviv. Man arbeitet im Coffeeshop oder in einer Parfümerie, lebt in gemischter WG und organisiert den nächsten Rave am Strand. Die Gespräche drehen sich um Liebe, Sex, Beziehungen. Die fröhliche Lulu (Daniela Wircer) hat sich in einen Reporter verliebt, der stille Noam (Ohad Knoller) kommt gerade vom Militärdienst zurück, und Yali (Alon Friedmann) verbirgt hinter aufgesetzter Exzentrik, dass er in Noam verliebt ist. Leben in der Sicherheitsblase (daher der Filmtitel: „The Bubble“), während wenige Kilometer entfernt der Konflikt eskaliert.

Doch die Blase platzt, als sich Noam in den Palästinenser Ashraf (Yousef „Joe“ Sweid) verliebt. Nur kurz hält die Utopie, dass diese Beziehung möglich sein könnte: Ashraf zieht in die WG in Tel Aviv ein und gibt sich, da ohne Aufenthaltsgenehmigung, als Israeli aus. Beim gemeinsamen Theaterbesuch von Martin Shermans Klassiker „Bent“ diskutieren beide über Holocaust und Verfolgung – erstaunlich offen zwischen Israeli und Palästinenser. Doch Verfolgung muss auch Ashraf erfahren, als er zur Hochzeit seiner Schwester nach Nablus zurückkehrt. Der Schwager ist Hamas-Mitglied und Schwulsein in der islamischen Gesellschaft nicht geduldet. Hier endlich bekommt der Film von Eytan Fox („Yossi und Jagger“), der sich zuvor etwas harmlos in den unterschiedlichen Liebeshändeln vertändelt hatte, Wucht und Relevanz – als Porträt einer neuen Generation, die sich mit den bestehenden Fronten nicht mehr abfinden möchte. Mehr davon. Christina Tilmann

Heute 22.45 Uhr (Cinestar 3), 12. 2. 17 Uhr (Cubix 9), 15. 2., 20.15 Uhr (Cubix 7 + 8), 18. 2., 17.30 Uhr (Cinestar 3)

FORUM

Sprechen für die Unsichtbaren:

„Kurz davor ist es passiert“

Ein Zöllner im Grenzkontrollhäuschen, der anfängt, eine Fluchtgeschichte aus Flüchtlingsperspektive zu erzählen. Eine Hausfrau, die beim Tischdecken im gepflegten Reihenhäuschen über ihre Männergewalterfahrungen berichtet. Nicht nur bei Breloer und Knopp wird Zeitgeschichte nachinszeniert. Auch im künstlerisch avancierten Dokumentarfilm Wie Andres Veiels „Der Kick“ oder Calle Overwegs „Das Problem ist meine Frau“ ist es seit einigen Jahren populäre Strategie, die scheinbare Authentizität von Betroffenenaussagen durch Inszenierung zu brechen und nachspielen zu lassen.

Die österreichische Filmemacherin Anja Salomonowitz nutzt eine ähnliche Methode der Verfremdung, um sich einer Form patriarchaler Gewalt zu nähern. Es geht um den Ost-West-Frauenhandel, wobei nicht prinzipiell unterschieden wird zwischen den gewaltsam zur Arbeit am Straßenstrich Entführten und der Putzfrau, die materieller Not gehorcht. Keine ist freiwillig da, jede auch als illegal Eingereiste Objekt staatlicher Verfolgung. Das wäre Grund genug, ihre Identität zu verbergen, wie es im Fernsehen oft mit digitalen Gesichtsschleiern und Tonverzerrungen geschieht: Verfahren, die die Opfer ein zweites Mal kriminalisieren. Auch deshalb lässt Salomonowitz ihre Geschichten von anderen agieren. Doch dies nicht von neutralen Agenten, sondern Figuren, die zumindest potenziell mit den Geschichten zu tun haben könnten, fünf insgesamt: Die Hausfrau und der Zöllner. Ein Bordellwirt beim Saubermachen. Eine Diplomatin. Ein Taxifahrer.

Sie alle fallen scheinbar spontan und nebenbei bei ihren täglichen Verrichtungen aus der Rolle in eine zweite Stimme, die offensichtlich figurenfremde Flucht- und Gewalterfahrungen referiert: Soziale Grenzüberschreitungen, die gesellschaftlich Verdrängtes als gespenstische Besessenheit ausagieren. Dabei dürfte allerdings die sichtbare bieder-österreichische Welt für die meisten Betrachter von Salomonowitz’ Film mindestens ebenso fremd und geisterhaft sein wie die verdrängte. Silvia Hallensleben

Heute 16.30 Uhr (Delphi), 12. 2., 13 Uhr (Arsenal), 13. 2., 22.15 (Cubix 9)

FORUM

Prügeln für den Luxus:

„Don“ von Farhan Akhtar

Inspektor Desilva (Boman Irani) ist schon lange auf der Jagd nach Don (Shah Rukh Khan), doch der berüchtigte Drahtzieher der malaysisch-indischen Drogenmafia ist einfach nicht zu fassen. Als Don sich dann aber bei einer Verfolgung verletzt und stirbt, schleust Desilva den harmlosen Vijay (ebenfalls Khan) als dessen Double in die Mafia ein.

„Don“ ist der Anfang einer ganzen Reihe von Remakes indischer Klassiker, die das Filmland in nächster Zeit heimsuchen werden: ein kalkulierter Blockbuster mit luxuriösem Äußerem und einigen recht überraschenden Wendungen. Doch die Songs sind nur gehobener Durchschnitt, die Prügeleien ermüdend und die Logiklöcher so groß, dass man ganze Elefantenherden hindurchtreiben könnte. Der Film lebt einzig von Dons halb getanzter, übertrieben lässiger Arroganz, wie sie nur ein Shah Rukh Khan hinbekommt. Dessen Starpower wird ja auch in der hiesigen Bollywood-Gemeinde sehr geschätzt, daher hat man diesen Film wohl überhaupt nur nach Berlin geladen. „Don“ macht zwar Spaß, doch es hätte sehr viel bessere indische Filme aus der letzten Zeit gegeben als diese Actionoperette. Sebastian Handke

Heute 16.45 Uhr (Cinestar 8), 18. 02., 16.15 Uhr (Delphi)

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