Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Ohne Bombast

keine Begeisterung

Es ist immer mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden, wenn eine Band plötzlich die Erfolgsleiter hochstolpert. Die nordirischen Snow Patrol haben ein Jahrzehnt im britischen Untergrund wacker vor sich hingemuckt, ehe ihr Potenzial als Stadionrocker entdeckt wurde. In England sind sie richtig groß, aber auch hierzulande reicht es, um in der Columbiahalle mehrere Tausend Leute anzulocken. Das ist in der Mehrzahl gekommen, um die bombastischen Rockhymnen von Snow Patrols viertem Album „Eyes Open“ zu hören. Aber zwischen ihren Hits, vor allem dem aus Funk und Fernsehen bekannten „Chasing Cars“, müssen der tapfere Gary Lightbody am Mikro und seine vier Begleiter auch Repertoirepflege betreiben. Bei den älteren Songs rotieren die grellen Scheinwerferufos auf Hochtouren, die Nebelmaschine nebelt, und Lightbody wirft seinen athletisch mageren Rockerbody in Pose, doch es hilft nichts: Die Aufmerksamkeit im Auditorium fällt ab. Gerade luftigere Balladen wie „Grazed Knees“ gehen im Gequatsche der hinteren Zuschauerreihen fast unter. Gut, dass Snow Patrol noch ein paar Hymnen auf Lager haben. Bei der Zugabe „Open Your Eyes“ wuchtet Ersatztrommler Graham Hopkins noch mal einen brachialen Groove, Nathan Connolly schrengelt die typischen Bombastrock-Gitarrenlicks, Gary Lightbody singt mit maximaler Emphase. Von Coldplay oder U2, der Champions League des Stadionrocks, sind Snow Patrol zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber als Aufstiegskandidaten dürfen sie sich Hoffnungen machen.

POP

Ohne Laut

kein Leise

Es wuchert nach allen Seiten und schimmert durchsichtig in hässlichen Farben. Die Eingeweide sind deutlich zu sehen. Furchteinflößend schlägt es um sich. Doch wenn man einen Schritt darauf zu macht, ist es doch nur Musik. Fantastische Musik. Musik der Blood Brothers aus Seattle. Die fünf jungen Männer wissen: Ohne Schnell kein Langsam. Ohne Laut kein Leise. Ohne Schön kein Hässlich. Und lassen die Gegensätze aufeinanderdonnern: Es kracht wunderbar im gut gefüllten Berliner Postbahnhof .

Mit ihrem ersten Album vor sieben Jahren erklärten die Blood Brothers Hardcore-Punk zum Experimentierfeld, ohne den Konventionen des Experimentellen nachzugeben. Mit dem Wissen um die Vergangenheit dieser Musik, die mindestens zurückreicht bis Black Flag und Minor Threat, eröffneten sie ihr eine neue Dimension: Jazz und Rock zusammengedacht – ohne Jazzrock zu machen. Die Band zieht Stahlgerüste an Luftschlössern hoch und es entsteht filigrane Krachkunst, immer mit dem zweistimmigen, kreischend-surrealen Gesang von Jordan Blilie und Johnny Whitney im Mittelpunkt. Es ist außergewöhnlich, wie viel Leidenschaft, Fantasie und Kraft die Band auf die Bühne bringt. Die Zeit steht still während des Konzerts, man selbst bewegt sich in der Zeit, im Rhythmus der Musik. Mal langsam, mal mit rasender Geschwindigkeit. Oft wirkt es, als werfe die Wucht ihrer eigenen Anstrengung die Band gleich aus der Bahn, doch dann bremst sie jäh ab – durchatmen. Und weiter. Immer weiter. Sebastian Gierke

KLASSIK

Zwischen Stil

und Sentiment

Um ein Werk von Beethoven hatte das Konzerthaus jeden der Pianisten für sein wiederaufgelegtes „Progetto Imola“ gebeten. Die geforderte Auswahl fiel naturgemäß charakteristisch aus: Der eine zieht den konstruktiven Geist eines Variationenwerks vor, der andere die übermäßigen Gefühle der Sonate op. 109. Alessandro Taverna billigt Beethoven eine große stilistische Vielfalt von Rokoko bis zu Vaudeville zu. Im Detail überzeugte er durch eine vorbildliche geistige Durchdringung vieler Stellen der Eroica-Variationen, vor allem in der unkonventionellen ersten Hälfte: Hier kam sein aufgeräumter, jungsiegfriedhafter Ton genauso unfehlbar zum Einsatz wie in einer humoristischen Etüde von Charles-Valentin Alkan. Wiener Klassik, französischen Humor und Liszts schwermütige „Ungarische Rhapsodie“ differenzierte Taverna mit beachtlichem Stilgefühl. Allein, wo Ausdruck gefordert war, stand häufig nur ein Ausrufezeichen.

Sanglichkeit und Sentiment sind hingegen die Stärken von Davide Franceschetti , der in der zweiten Hälfte des Konzerts folgte. Vielleicht kam es ihm gerade zugute, dass Taverna vor ihm den Kleinen Saal so blitzblank geputzt hatte. Sein gefühlvolles, an den Rändern leicht verschwimmendes Spiel konnte sich so als eigene Qualität, Dionysos sich als Apollons Bruder zeigen. Wenn Taverna sich Beethovens deutschen Ton anzuverwandeln wusste, so ging Franceschetti ganz darin auf. Wunderbar ein Kontrapunkt in Liszts Dante-Sonate, wie wenn Dantes Held an einer Stelle wirklich die Liebe wiederfände. Matthias Nikolaidis

KLASSIK

Zwischen historischer Treue

und Temperament

Die Überlieferung sagt, dass „Lascia ch’io pianga“ Händels Lieblingsmelodie gewesen sei. Es ist eine Arie aus seiner Oper „Rinaldo“, im Eilverfahren aus früherer Produktion übernommen, eine schlichte Sarabande voll wunderbarem Ausdruck. Die junge Sopranistin Sophie Karthäuser singt das Stück so zauberhaft, als wolle sie die Sterne vom Himmel holen. Es wird zum Höhepunkt eines Konzerts mit dem Deutschen Symphonie-Or chester. Die Programmgestaltung verdankt sich Thomas Hengelbrock. Gemäß dem Brauch der Händelzeit hat der Dirigent ein Opernpasticcio aus verschiedenen Werken des Komponisten zusammengefügt. Dass der gedankliche Leitfaden Tasso entlehnt ist, tut wenig zur Sache. Es geht um Klage, Geschlechterkampf und Liebe. Da sich in Steve Davislim ein ebenbürtiger Tenor zu der Sängerin gesellt, koloraturgewandt wie sie, bringt die Flickoper eine halbe Stunde ernsten Spaß. Das kleine Händelfest in der Philharmonie beginnt eher flüchtig mit dem „Concerto a due cori“ F-Dur.

Die Musik braucht eine Weile, um Tritt zu fassen. Herausgefordert im Wettstreit fliegen die Melodien der Oboen hin und her. Hengelbrocks Aufführung sucht eine Mitte zwischen historischer Treue und frischem Temperament. Nach Händel, dem teuren Sachsen, hat Edward Elgar die englische Musik quasi neu erfunden. Heute muss man nicht mehr nach England fahren, um die „Enigma Variations“ zu erleben. Sie haben das festländische Repertoire erobert. So auch das gefällig disponierte DSO. Sybill Mahlke

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