Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

FORUM

Teilnehmende Beobachterin:

„Eye in the Sky“ von Yau Nai Hoi

Verbrechen macht keinen Spaß mehr in Hongkong. An jeder Ecke und in jedem Geschäft gibt es Kameras. Als Gangster muss man sich jeden Schritt ganz genau überlegen. Für Überfälle hat man nur drei, vier Minuten Zeit, riskiert alles und hat am Ende nur einen kleinen Beutel mit Juwelen erbeutet. In der Gruppe von Boss Chen herrscht Unzufriedenheit. Scherzhaft reden die finsteren Gesellen schon davon, den Beruf zu wechseln. Doch erstmal plant der schlaue Chen den nächsten Coup, den die Polizei unbedingt verhindern will. Es gibt eine Spur: „Fatman“ hat sich auf der Straße verdächtig bewegt, während ein paar Meter weiter ein Juwelier ausgeraubt wurde. Also heftet sich eine Überwachungseinheit an seine Fersen. Geleitet wird die Operation vom erfahrenen Huang, der die Anfängerin Bo mit auf die Mission nimmt. Er lehrt sie, zu sein wie ein Auge im Himmel: alles registrieren, jedes Detail erinnern und nicht emotional auf das Gesehene reagieren. Vor allem Letzteres macht Bo Probleme – sie kann nicht wie eine Maschine agieren, wenn ein Mensch blutend auf der Straße liegt.

Frauen treten im Hongkong-Thriller eher selten als Heldinnen in Erscheinung. Hier gibt es sogar zwei: Die Polizeieinheit hat ebenfalls eine Chefin. Auch sonst bewegt sich Yau Nai Hoi, der bisher als Drehbuchautor für Größen wie Johnnie To und Wai Ka Fai gearbeitet hat, in seinem äußerst gelungenen Regiedebüt ein wenig abseits der Genrekonventionen: Den ersten shoot-out gibt es nach einer Stunde, und er dauert nur knapp zwei Minuten. „Eye in the Sky“ interessiert sich vor allem für das Thema Sehen. Immer wieder gibt es Sequenzen, in denen Kamera und Schnitt wie entfesselt die Perspektive verschieben. Es ist fast, als stünde man selbst auf einem Hochhausdach und drehte schnell den Kopf, um alle Bewegungen von Gangstern und Cops einzufangen.

Heute 20 Uhr (Cubix 9), 18. 2., 20 Uhr (Colosseum 1)

PANORAMA

Eiskalter Bengel:

„Ferfiakt“ von Károly Esztergályos

Ältere Berlinale-Besucher können sich vielleicht noch an das Jahr 1990 erinnern, als Giftschrankfilme das Programm dominierten. Das waren von sozialistischen Zensurbehörden verbotene Filme, die erst mit Jahrzehnten Verspätung ihr Publikum fanden. „Ferfiakt“ (zu deutsch: „Männerakte“) sieht aus wie ein Giftschrankfilm – ist aber keiner. Bei allem Respekt vor der sorgfältigen Regie und dem intensiven Spiel der Hauptdarsteller: Dieser Film sieht alt aus, furchtbar alt. Was für ein Mief! Ständig möchte man die Fenster aufreißen und den bleichen Protagonisten eine Reise in den Süden spendieren.

Der ungarische Regisseur Károly Esztergályos schildert dieselbe Ausgangssituation wie Rainer Werner Fassbinder und François Ozon in „Tropfen auf heiße Steine“, aber ohne deren boshaften Witz: Tibor (László Gálffi), ein Schriftsteller um die fünfzig, wird von dem jungen Zsolt (Dávid Szabó) angesprochen, der ein Fan zu sein behauptet und sich als Stricher entpuppt. Später kommen noch Tibors depressive Ehefrau (Éva Kerekes) und Zsolts Freundin (Ilona Nagy) hinzu. Was könnten die vier für einen Spaß miteinander haben! Stattdessen leiden sie. Nur der Zuschauer lächelt, wenn Tibor sich von Zsolt oral befriedigen lässt und ihm dazu aus Thomas Manns „Tod in Venedig“ vorliest, begleitet vom „Liebestod“ aus Wagners „Tristan und Isolde“. Sie unterhalten sich über Aids und über Zsolts Vater, der in Tschernobyl umgekommen ist. Noch mehr Probleme? Der von dem Stricher ausgebeutete Tibor ist selbst ein Ausbeuter: Er benutzt den Jungen, weil er Inspiration für einen neuen Roman benötigt. Zu den Kunden des eiskalten blonden Bengels gehört ein Altkommunist, den niemand mehr drucken will. Der Regisseur selbst ist 65 Jahre alt. Ob er hier seine eigenen Probleme verarbeitet? Von einer morbiden Faszination ist sein Film zweifellos. Aber fremd ist er, wie aus einer anderen Zeit. Frank Noack

Heute 20 Uhr (Cinemaxx 7), 13. 2., 22.45 Uhr (Cinestar 3), 16. 2., 20.15 Uhr (Cinestar 3), 14. 2., 22.30 Uhr (Colosseum 1)

FORUM

Schöne Querulantin:

„Pas Douce“ von Jeanne Waltz

Nein, süß und sanft ist diese Frau nicht. Eigentlich heißt sie Frédérique. Doch alle nennen sie Fred. Der Männername passt: Die junge Krankenschwester ist impulsiv, stur, widerborstig – und nicht ganz zu Hause in ihrem unwirtlichen Leben. „Du siehst fertig aus“, sagt ihr Exfreund. Fred hat dunkle Augenringe und ist bleich wie ein Krankenhauskittel. Sie reibt sich auf in langen Nachtschichten. In der Dorfkneipe schmeißt sie sich an zwei Männer ran. „Kannst du nicht etwas sanfter sein?“, fragt einer der Typen, als sie beim Sex auf ihm reitet. Nein, das kann sie nicht. Denn Fred findet keinen Halt. Während sie wie einst Louis Malles „Lacombe, Lucien“ durch das hüglige Hinterland radelt, schüttet sie sich Hochprozentigen rein. Bei kaltem Nebelwetter rast sie dann in einen dunklen See. Ihr Leben: ein Straucheln.

Die 25-jährige Isild Le Besco spielt eines dieser rastlosen französischen Mädels, die nicht so recht ein und aus wissen und deshalb ziellos vor sich hindriften. Ihre Fred ist eine Geistesverwandte von Élodie Bouchez in „Clubbed to Death“ oder Sandrine Kimberlaine in „À vendre“. Auch hier erfahren wir nicht, warum die schöne Querulantin so ist wie sie ist. Die Regisseurin Jeanne Waltz legt Fährten aus, denen man folgen kann oder nicht. Denn ob Fred am zerrütteten Verhältnis zu ihrem Vater leidet oder an der Trennung von ihrem Freund – für Waltz spielt das nicht die entscheidende Rolle. Die Regisseurin will in ihrer rauen Charakterstudie „Pas Douce“ auf etwas anderes hinaus: untersuchen, wie Reue heute noch zu Erlösung führen kann. Die religiösen Untertöne sind nicht zu überhören.

Eines Tages nimmt Fred ein Gewehr, geht in den Wald und richtet den Lauf gegen sich selbst. Bevor sie abdrücken kann, geschieht etwas Unerwartetes. Sie hört aus der Ferne den Streit zweier Jungen. Der eine, Marco, zielt mit seiner Steinschleuder auf den Kopf des anderen. Reflexartig dreht sich Fred um und schießt auf den Schützen. Davon ist sie selbst tief getroffen. Sie beginnt sich auf ihrer Station um den verletzten Jungen zu kümmern. Ein Akt der Reue – aber auch der Erniedrigung. Denn der Junge ist aggressiv, rücksichtslos und egoistisch. Ein enfant terrible. Wie Fred. Julian Hanich

Heute 12.45 Uhr (Cinestar 8), 13. 2., 12.30 Uhr (Arsenal)

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