Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

FORUM

Schuld und Sühne:

„Klopka“ von Srdan Golubovic

An der Ampel treffen zwei Welten aufeinander: Neben einem klapprigen roten R4 steht ein riesiger, silberner Toyota. Die beiden Autos symbolisieren zwei Klassen, die es, wie hier im Post-Milosevic-Serbien, auch in vielen anderen osteuropäischen Übergangsländern gibt: die marginalisierte Mittelschicht und die Kaste der Neureichen, die auf dubiosen Wegen zu ihrem Geld gekommen ist. In der alten Karre sitzt Ingenieur Mladen (Nebojsa Glogovac). Er arbeitet bei einer staatlichen Baufirma, deren einzige Hoffnung darin besteht, von einem ausländischen Investor aufgekauft zu werden. Mit seiner Frau Marija, einer Lehrerin, und ihrem Sohn Nemanja lebt er in einer kleinen Wohnung in Belgrad. Jelena (Anica Dobra), die Frau in dem Monsterwagen, ist mit einem Mafioso verheiratet. Sie haben eine verzogene kleine Tochter und eine durchgestylte Wohnung.

Wie diese beiden Welten aufeinanderprallen, zeigt der 34-jährige Regisseur Srdan Golubovic in seinem zweiten Spielfilm „Klopka“ (Falle) auf überzeugende und virtuose Weise. Der kleine Nemanja hat einen Herzfehler, nur eine Operation in Deutschland kann ihn retten. 26 000 Euro soll sie kosten – eine astronomische Summe für die Eltern. Als der Zustand seines Jungen immer schlechter wird, nimmt Mladen das Angebot eines Kriminellen (Miki Manojlovic) an: Er soll einen Gangster töten und bekommt das Geld für die OP. Die Drehbuchkonstellation von „Klopka“ wirkt fast wie eine griechische Tragödie, doch Golubovic inszeniert das wie einen kühlen Film noir. Die Unaufgeregtheit, mit der er seinen Helden Mladen immer tiefer in die Spirale von Verzweiflung, Schuld und Isolation treibt, verleiht seinem Film viel von seiner Wucht. So ist ihm neben einem spannenden Drama auch ein niederschmetterndes Bild einer Gesellschaft gelungen, in der der Spielraum für aufrechte Menschen immer geringer wird.

Heute 14.45 Uhr (Cinestar 8), 14.2., 22.15 Uhr (Cubix 9), 17.2., 20 Uhr (Colosseum)

PANORAMA

Küsse und Schläge:

„El Camino de los Ingleses “

Miguelito und seine drei Freunde sind 18, und einen langen, verantwortungslosen Sommer über gehen sie schwimmen, reden sich erst die Köpfe heiß und schauen den Mädels nach. Sie tanzen, trinken, knutschen, brausen in Autos herum, beziehen Prügel, teilen selbst welche aus, streiten sich mit ihren Eltern und wissen nicht so genau, wo sie mit ihrem überschüssigen Testosteron hinsollen, das ihnen mächtig Druck macht. Gelegentlich toben sie sich doch sexmäßig ein bisschen aus. Dann wabern farbige Nebel über die Szene. Auch findet Sex bei Sonnenuntergang statt. Warum Miguelito nur eine Niere haben darf in diesem Film, man weiß es nicht.

Man weiß aber, dass Regisseur Antonio Banderas 1978 – der Film spielt Ende der Siebziger – selbst 18 war und damit also jetzt in einem Alter ist, in dem man sich wehmütig an die goldene Jugendzeit erinnert. Damals, als er – so steht’s zu vermuten – breitbeinig und mit offenem Hemd durch Málagas Straßen stampfte und Frauen anbaggern musste, denn dass er mal berühmt sein würde, wusste ja keine. Schön war das wohl. So hat er halt eine verquaste Retro-Männerfantasie im völlig überholten Altmachostil inszeniert, bei der sich Vertreter eben jener Spezies amüsieren dürften. Aber auch nur die. Daniela Sannwald

Heute 18.45 Uhr (Zoo-Palast), 14. 2., 10.30 Uhr (Cinemaxx 7), 17. 2., 17 Uhr (International), 18.2., 17 Uhr (Cubix 9)

PANORAMA

Romeo und Juliana:

„Gucha“ von Dusan Milic

Seit vierzig Jahren treffen sich im kleinen serbischen Städtchen Gucha die besten Bläser des Balkans und tragen vor einer Viertelmillion Zuhörern den Wettstreit um die „Goldene Trompete“ aus. Vor diesem authentischen Hintergrund spielt sich Dusan Milics fiktives Musikdrama „Gucha“ ab: Romeo und Juliana lieben sich, aber sie sind Sprösslinge zweier rivalisierender Gypsy-Balkanfolk-Clans – Romeo gehört zu den „Sandikans Tigers“, die dieses Jahr den Platzhirsch in Gucha herausfordern wollen: „Satchmo“, den besten serbischen Trompeter, der leider auch Julianas Vater ist und dunkelhäutige Gypsys nicht ausstehen kann. Doch Romeo gibt nicht auf, und so kommt es schließlich in Gucha zum Wettstreit auf offener Bühne – denn wer die Trophäe gewinnt, der darf auch Juliana haben. Regisseur Dusan Milic hat seinen Film während des echten Gucha-Festes gedreht – mit weitgehend unerfahrenen Darstellern. Der Charme des Unperfekten gibt dem Film manchmal fast den Charakter einer Dokumentation, in der die großartige Musik fast pausenlos zu hören ist. In der Hauptrolle übrigens als hartnäckiger Gypsy-Romeo: Marko Markovic, junger Solist und Arrangeur des legendären „Boban Markovic Orkestar“. Sebastian Handke

Heute 20.15 Uhr (Cinestar 3), 14.2., 14.30 Uhr (Cubix 9), 17. 2., 17.45 Uhr (Cinestar 3)

FORUM

Fragen und Kreise:

„Potosi, le temps du voyage“

Vor vierhundert Jahren war die bolivianische Minenstadt Potosi die drittgrößte Stadt der Erde, ihre Silberschätze fütterten die Wirtschaft des spanischen Kolonialreichs. 1970 entdeckte der israelische Filmemacher Ron Havilio auf der Hochzeitsreise mit seiner argentinischen Ehefrau den mittlerweile verarmten Ort. Immer noch riskierten hier die Indios ihr Leben für einen Hungerlohn unter Tage – für das junge Paar aus dem jüdischen Mittelstand identitätsstiftendes Sinnbild imperialistischer Ausbeutung. Fast dreißig Jahre später macht das Paar sich wieder auf die gleiche Reise, diesmal sind die drei Töchter und eine Super-16-Kamera dabei. Es ist wohl die letzte gemeinsame Unternehmung der Familie: Die Töchter sind fast erwachsen und werden bald ausfliegen. Auch um die Ehe der Havilios steht es nach Selbstauskunft des Regisseurs nicht zum Besten.

Wie kriegt man es hin, dass solcher Kram auch andere interessiert? Es scheint, dass Regisseur Ron Havilio sich diese Frage etwas zu spät gestellt hat und seinen Reise-Essay doch eher als unbedarften Familienausflug begann. Oder hat er’s erst danach vermasselt? Sieben Jahre lang nämlich war der Regisseur von „Fragments-Jerusalem“ (Forum 1998) im Schneideraum, um die Materialien der ersten und der zweiten Reise zu einem Film zu montieren, während die Welt draußen in Israel ihren wechselhaften Lauf nahm. Auch im Film überkreuzen sich politische und private Geschichten: eine nicht unbedingt neue, doch meistens fruchtbare Methode. Nur scheint Havilio über der Materialfülle die Orientierung verloren zu haben. So gibt es zwar eine „Recherche“, aber kein klares Erkenntnisinteresse. Auch die „Spurensuche“, eine ehrwürdige Methode dokumentarischer Recherche, hat sich zum bloßen Selbstzweck verselbstständigt, wenn der Regisseur in bewährter Manier versucht, auf alten Fotos Abgebildete wiederzufinden. Nur warum? So führt diese bolivianische Reise in 246 Minuten mehr oder weniger im Kreis herum. Silvia Hallensleben

14. 2., 20 Uhr (Arsenal), 15. 2., 16.30 Uhr (Delphi)

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