Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

PANORAMA

So viele Freunde:

„Berlinsong“ von Uli M. Schueppel

Jeder Berlinale-Besucher hat schon einmal einen Film von Uli M. Schueppel gesehen: Sein 50-sekündiger Trailer mit der wunderbaren Musik von Xaver Naudascher und Johannes Koeniger läuft seit fünf Jahren vor den Filmen aller Sektionen (außer der Retro). Im Panorama kann man jetzt Schueppels neuesten Langfilm sehen: „Berlinsong“ heißt sein in Schwarz-Weiß gedrehtes Porträt von sechs Musikern und Musikerinnen aus der Berliner Neo-Folk-Szene. Sie kommen aus den USA, Norwegen, Holland, England und Australien und sind locker miteinander befreundet. Schueppel bat alle, ein Lied über Berlin zu schreiben und begleitete sie beim Proben und Aufnehmen. Parallel zeigt er die Vorbereitungen für ein Konzert mit den Berlin-Songs.

Die Musiker erzählen, wie sie in die Stadt gekommen sind und was sie hier inspiriert. Ein guter Schuss romantischer Verklärung ist in fast allen ihrer meist in Kreuzberg angesiedelten Geschichten dabei. Doch man kann es diesen dünnen, bunten Vögeln nicht übel nehmen, dazu sind sie viel zu sympathisch. Und ein Strauß gesungener Komplimente tut der geschundenen Hauptstadtseele auch mal gut. So widmet Banjospieler Nathan Vanderpool sein wirklich gelungenes Stück „Viktoria“ der Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Kat Frankie singt über das Zeitvertrödeln und Tommy Simatupang beklagt sich in „Everybody Loves Me too Much“, dass er in Berlin zu viele Freunde hat. Sein Song ist sicher der witzigste – vor allem, weil er ihn in einer ramponierten Telefonzelle aufführt und dabei laut grölend auf die Wände einprügelt.

Heute 15.30 Uhr (Colosseum), 16. 2., 20 Uhr (Cinestar 7), 17. 2., 17 Uhr (Cinestar 7)

FORUM

So viel Werbung:

„Dol“ von Hiner Saleem

Spektakuläre Totalen aus der Gebirgsregion an der türkischen Grenze zum Iran und Irak zeigen die Kargheit, Einsamkeit und Weite dieser Landschaft. Sie ist, wenn überhaupt, von Kurden besiedelt. Auf der irakischen Seite ist 2004 eine Autonome Region Kurdistan gegründet worden, und der Pariser Regisseur Hiner Saleem, selbst irakischer Kurde und 2003 für seine absurde Komödie „Vodka Lemon“ international gefeiert, hat in „Dol“ sämtlichen Humor verloren: Mit bitterem Ernst erzählt er eine dünne Geschichte, die kaum kaschieren kann, dass es sich bei diesem Film um Propaganda für dieses neu gegründete Kurdistan handelt. Sein Filmheld Azad flüchtet, nachdem er einen türkischen Soldaten angeschossen hat, dorthin, trifft auf irakische und iranische Leidens- und Gesinnungsgenossen, lässt sich in einem Guerillacamp ausbilden und kehrt dann zurück in sein Heimatdorf, um seine Braut zu holen – was natürlich misslingt. Was man auch immer politisch von Saleems Anliegen halten mag; er arbeitet mit billigen Klischees, und das ist ausgesprochen ärgerlich. Daniela Sannwald

Heute 20 Uhr (Cinestar 8), 15.2., 22.15 Uhr (Cubix 9), 16.2., 15.30 Uhr (Arsenal), 17.2., 16.30 Uhr (Delphi)

PANORAMA

So viele Probleme:

„Riparo“ von Marco Simon Puccioni

Anna (Maria de Medeiros) und Mara (Antonia Liskova) kehren aus dem Urlaub zurück und finden einen marokkanischen Flüchtling, der sich in ihrem Auto versteckt. Mara ist zwar dagegen, aber Anna nimmt Anis (Mounir Ouadi) mit in das gemeinsame kleine Häuschen. Dort lebt das ungleiche Paar – Annas Eltern gehört eine Schuhfabrik, Mara ist dort Arbeiterin – zusammen in einer arrangierten Idylle wechselseitiger Abhängigkeit. Der unverhoffte Gast irritiert das Arrangement nachhaltig. Für eine kurze Zeit sieht es zwar so aus, als ob es sich zum Dreierverband erweitern ließe, doch Anis, der aus einer einfachen Welt stammt, ist überfordert mit den komplizierten Verhältnissen zwischen den beiden Frauen. Die Sache gerät aus den Fugen, und weil dabei etwas aufbricht, das bislang unausgesprochen geblieben war zwischen den beiden Frauen, gerät auch ihre Beziehung in Gefahr. Marco Simon Puccionis „Riparo“ setzt drei Menschen zueinander in Beziehung, die sehr verschieden sind, sich aber dennoch etwas zu geben haben. Puccioni kommt zwar nicht ganz ohne Sozialdrama-Stereotype aus, entwickelt das Spannungsgefüge zwischen den Figuren aber sorgfältig genug, dass das Interesse an ihnen bis zum Schluss wach bleibt. Sebastian Handke

Heute 17 Uhr (Cubix 9), 15.2., 17. 30 Uhr (Cinestar 3)

FORUM

So viel Gefühl:

Stefan Schwieterts „Heimatklänge“

Es gibt Musik, Klänge, Töne, die so tief berühren, dass sie einen zum Weinen bringen. Zugleich aber auch trösten, ruhig machen, ein Lächeln hervorbringen, ans Herz gehen. „A Tickle in the Heart“ hieß die bezaubernde Dokumentation über drei alte jüdische Klezmermusiker, mit der sich der Schweizer Stefan Schwietert schon 1996 in die Herzen kitzelte. Immer wieder handeln Schwieterts Dokumentarfilme von Musik. Von exotischen Instrumenten, zuletzt vom Alphorn. Und jetzt in „Heimatklänge“ vom ursprünglichsten aller Instrumente: der menschlichen Stimme. Er macht den Betrachter und Hörer schwindlig mit diesen Stimmen, seinen Bildern von Himmel und Wolken, Felsen, Flüssen und massiven Gebirgen der Schweizer Alpen. Wo die Menschen rufen, singen, jodeln, juchzen, sich erfreuen am Echo, am Zwiegespräch mit der Natur.

Wäre er in der Wüste geboren, im flachen Land, würde er vermutlich ganz anders singen, sagt der Baseler Stimmkünstler Christian Zehnder, den Schwietert begleitet, mit Mikrofon und Kamera, auf der Reise seiner Gedanken, zu seinen musikalischen Wurzeln. In die Einsamkeit der Berge. Zu den Appenzeller Jodlern. In ein einfaches Wirtshaus, wo gebeugte, alte Männer um den Tisch sitzen, und plötzlich singen sie: nur Töne ohne Worte, so ergreifend, so schön, dass die Zuhörer ganz still werden. Das ist keine platte Touristenfolklore. Das ist echtes Gefühl, wahre Kunst.

Vielleicht kommt das aus der Religion, mutmaßt Zehnder, dieses diszipliniert Meditative. Zehnder schöpft aus dieser Tradition der Schweizer Jodler, und entwickelt sie weiter zu seinem eigenen unerhörten Jazz, der zu Alphornbegleitung Heimatklänge mischt mit Scat- und mongolischem Obertongesang. Aus direkter Linie der Appenzeller Jodlertradition erwachsen ist Noldi Alder, der schon in seiner Jugend mit der Volksmusikgruppe „Alder Buebe“ weltweit Beachtung gefunden hatte. Nachdem ihm die Trachtenuniform zu eng geworden war, suchte er nach neuen Ausdrucksformen, in denen er die familiären musikalischen Wurzeln auf berauschende Art mit experimenteller Moderne zusammenführte. Und dann ist da noch Erika Stucky, die Volksmusik und Bräuche des Wallis in ihrer Stimme vermischt mit Großstadtlauten, Babyschreien und amerikanischen Einflüssen: Blues, Jazz, Folk und Randy Newman. Drei kunstvoll miteinander verwobene Porträts über drei außerordentliche Sänger vor dem Hintergrund der Schweizer Heimat. Sehr sehenswert. H. P. Daniels

Heute 12.30 Uhr (Cinestar 8), 16.2., 13.15 Uhr (Arsenal), 17.2., 22.15 Uhr (Cubix 9)

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