Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

Große Brille, großes Schweigen: „Von einem, der auszog“

Die Frage des Lebens ist die Frage der Filme: Wie soll man leben? sei das Thema gewesen, das ihn immer beschäftigt habe, erzählt Regisseur Wim Wenders. Gelebter Existenzialismus. Gefilmter Existenzialismus. Mit seiner ersten Freundin Ulrike hat er über Camus und Sartre diskutiert. Oder vielmehr, nicht so viel diskutiert. Eher geschwiegen.

Der große Schweiger: Dieser Ruf ist legendär. Auch in dem Dokumentarfilm „Von einem, der auszog“, Marcel Wehns Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, schweigt Wim Wenders viel. Blickt in die Kamera, zweifelnd, verzweifelt, sucht nach Worten, und findet sie nicht. Manchmal bekomme sie erst zwei Tage später die Antwort auf eine Frage, die sie gestellt habe, erzählt Ehefrau Donata Wenders. Und Wenders selbst gibt zu: „Auch bei uns zu Hause wurde nie viel geredet.“

Eine Herausforderung, über einen solchen Schweiger einen Dokumentarfilm zu drehen. Wehn rettet sich ins Freie, fährt mit Wenders zu den Orten, wo früher gedreht wurde, das Ruhrgebiet aus „Alice in den Städten“, das Zonenrandgebiet aus „Im Lauf der Zeit“. Kramt alte Fotos hervor. Und befragt Mitarbeiter wie Rüdiger Vogler und Bruno Ganz, Freunde wie Peter Handke, Freundinnen und ausführlich die Ehefrau Donata Wenders. Die redet gern, und so genau will man manches vielleicht gar nicht wissen: dass Wenders ihr morgens gern Bärchen malt und sie schon daran seine Launen ablesen kann zum Beispiel. Andererseits: was die anderen über Wenders sagen, sind die schönsten Charakterisierungen. „Warmherzige Einsamkeit“ bescheinigt ihm Peter Handke, „innige innere Ruhe“ eine ehemalige Lebensgefährtin. Und Rüdiger Vogler fasst zusammen: „Großer Mann, große Brille, großer Mund, sanftes Wesen.“

Heute 19 Uhr (Cinemaxx 3), 16. 2. 13 Uhr (Colosseum), 20.30 Uhr (Cinemaxx 1)

FORUM

Menschen in Landschaften:

Zwei Filme von Catherine Martin

Catherine Martin war vor fünf Jahren mit ihrem Spielfilm „Mariages“ im Forum zu Gast. Dieses Jahr ist die kanadische Regisseurin gleich mit zwei Filmen im Programm vertreten. „L’esprit des lieux“ ist eine historische Recherche, die sich an Aufnahmen des Fotografen Gabor Szilasi aus dem Jahr 1970 orientiert. Kameramann Carlos Ferrand stellt die 16 mm-Kamera exakt an den Positionen auf, von denen Szilasi damals seine Fotos geschossen hat. Im Vergleich zu Berlin hat sich die Landschaft im Charlevoix am Lorenzstrom in den über dreißig Jahren wenig verändert.

Auf den ersten Blick zumindest, erst beim Gespräch mit den Einheimischen wird deutlich, wie auch hier die neue Zeit an den alten Beziehungen und Lebensweisen frisst. Martins melancholische Ortsbesichtigung setzt dem dokumentarisches Beharren entgegen. Auch in ihrem Spielfilm „Dans les villes“ spielt die Vergänglichkeit eine zentrale Rolle. Die Einsamkeit auch. So verstört vom Großstadtleben sind Martins vier Protagonisten – drei Frauen, ein von Robert Lepage gespielter blinder Mann –, dass sie meist wie bewegungsgehemmt in der wohlkomponierten Kadrage herumstehen. Auch dem Film fehlt die Erdung in den Banalitäten des materiellen alltäglichen Lebens. Ist das nun echte Filmkunst? Oder doch nur betuliches Erbauungskino für die gebildeten Stände? Silvia Hallensleben

„Dans les villes“: Heute 15 Uhr (Cinestar 8), 16. 2., 21.30 Uhr (Delphi), 17. 2., 10Uhr (Arsenal). „L’esprit des lieux“: Heute 17.30 Uhr (Arsenal), 17.2., 19 Uhr (Delphi), 18.2., 12.30 Uhr (Cinestar 8)

PANORAMA

Bissiger Geschlechterdiskurs:

„Teeth“ von Mitchell Lichtenstein

Einige Kulturen kannten Geschichten von Frauen, deren Vaginas mit scharfen Zähnen ausgestattet waren – ein Mythos, der wenig mit Frauen zu tun hat, aber viel mit männlicher Angst. Deshalb verlief die Sache früher meist so: Ein unerschrockener Held stellt sich der Gefahr, die vom weiblichen Körper ausgeht, und obsiegt.

Mitchell Lichtensteins „Teeth“ dreht den Mythos um und macht die Frau zu einer Art Superheldin. Die Entdeckung außergewöhnlicher Eigenschaften wird zum Auslöser der Selbstfindung – in einer Schule, deren Biologiebücher einen großen goldenen Sticker haben, wo einst die Anatomie des weiblichen Geschlechts zu sehen war. Dawn (Jess Weixler) engagiert sich für Enthaltsamkeit. Doch das eigene sexuelle Erwachen bringt sie durcheinander – umso mehr, als sie (und ihr armer Freund Tobey) die Entdeckung machen muss, dass ihre Vagina mit Zahnreihen versehen ist. Dawns Opfer sind jämmerliche oder bösartige Exempel des männlichen Geschlechts. Doch Dawn ist kein Monster, sondern eine unschuldige junge Frau, die mit ihrem Körper zurande kommen muss – und am Ende gelernt hat, ihre Talente einzusetzen.

„Teeth“ ist feministische HighschoolKomödie, Suburbia-Drama und bizarres Coming-of-Age. Eines allerdings nicht: ein Horrorfilm. Trotz der abgetrennten Gliedmaßen, die in wohldosierten Abständen und wünschenswerter Deutlichkeit zu sehen sind (Finger zum Beispiel). Jess Weixler ist großartig in der Hauptrolle: ein geborenes Komödientalent. Dass es dem Schauspieler Lichtenstein in seinem Regiedebüt gelungen ist, diesen Stoff zu einem derart unterhaltsamen, subversiven Werk zu formen, ist eine kleine Sensation. Der Film ist allerdings nicht unbedingt erste Wahl für das Date am Samstagabend. Sebastian Handke

Heute 22.30 Uhr (Cinemaxx 7), 16. 2., 14.30 Uhr (Cubix 9), 18.02., 21 Uhr (Cinemaxx 7)

PANORAMA

Vergiss mich nicht:

„Away From Her“ von Sarah Polley

Ein Paar, gemeinsam in die Jahre gekommen, eine Freundschaft, die auf Liebe beruht. Man fährt Ski, lebt in einem sympathisch verwohnten Holzhaus und genießt das Leben im Ruhestand. Er, Grant, elegant graumelierter Hochschullehrer, mag gelegentlich fremdgegangen sein, sie, Fiona, liebenswürdig chaotisch, ist schöner denn je. Ein Band von Großherzigkeit verbindet sie – und Humor, wie ein Kaminfeuer wärmender Humor.

Die erste Regiearbeit der aus Filmen von Isabel Coixet bekannten Schauspielerin Sarah Polley ist vor allem: eine Hommage an die Schauspielerin Julie Christie, die auch schon in Coixets „Das geheime Leben der Worte“ mitgespielt hat. Die besondere Qualität der Coixet-Filme prägt auch Polleys Debüt. Vielleicht muss man selbst Schauspielerin sein, um so rücksichtsvoll zu filmen, auch und gerade in Momenten, in denen Peinlichkeit droht. Denn Stück für Stück bricht das Leben von Grant und Fiona auseinander. Es beginnt mit Memory-Stickern am Kühlschrank, die Bratpfanne landet statt auf dem Herd im Eisfach, und irgendwann findet Fiona nicht mehr heim. Die Diagnose: Alzheimer. Und der nächste, schmerzliche Schritt: Sie muss ins Heim.

Eine Liebesgeschichte, die über Bande spielt. Und eine Studie allmählichen Verfalls. Allein wie es Julie Christie gelingt, ihrer Fiona noch im Status der Auflösung Würde, Charme und Schönheit zu bewahren, das ist die vielleicht größte Leistung dieses bei aller Tragik hoffnungsvollen Debüts. Christina Tilmann

Heute 10.30 Uhr (Cinemaxx 7), 16. 2., 20 Uhr (Cubix 7 + 8), 17. 2, 17 Uhr (Cubix 9)

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