Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

PANORAMA

Schüchterner Komponist:

„Scott Walker – 30th Century Man“

Als er Scott Walker zum ersten Mal begegnete, erzählt der Musiker Jarvis Cocker, habe der eine Baseballmütze getragen und den Schirm dabei so weit nach vorne gezogen, dass bestenfalls der Mund zu sehen gewesen sei. Mit wachsender Vertrautheit und Sicherheit habe Walker die Mütze nach hinten geschoben, mehr vom Gesicht preisgegeben. Bis er schließlich die Kappe abgenommen hat, sich ungeschützt in die Augen sehen ließ. Scott Walker ist ein scheuer Mann, der sich für seine Arbeit als Musiker Anerkennung wünscht, aber nicht unbedingt von jedem erkannt werden möchte.

Der Einfühlsamkeit des amerikanischen Regisseurs Stephen Kijak ist es zu verdanken, dass der schüchterne Protagonist seiner Dokumentation die Mütze abnimmt, uns charmant und mit offenem Blick anschaut und Episoden und Anekdoten aus seinem erstaunlichen Leben erzählt. Mit seinem einzigartigen melancholischen Bariton wurde Scott als Sänger der Walker Brothers in den sechziger Jahren mit großen Songs wie „Make it Easy on Yourself“ eine Zeit lang zum größten Konkurrenten der Beatles und Stones um die Spitzenplätze der Charts. Am Anfang sei der Erfolg wunderbar gewesen, sagt Scott, aber dann hat es ihn doch gewurmt, dass seine Fans nur zum Kreischen in die Konzerte kamen, statt der Musik zuzuhören. Walker zog sich zurück aus dem Starrummel, entdeckte die Chansons von Jacques Brel, schrieb immer mehr eigene Songs, veröffentlichte ein paar Solo-Alben, und entzog sich erneut der Öffentlichkeit. Geld und Ruhm bedeuteten Scott Walker nicht so viel wie die Freiheit, sich künstlerisch auszudrücken wie es seiner Gemütslage entsprach. Und sich nur öffentlich zu äußern, wenn er auch etwas zu sagen hätte. Er ließ sich Zeit. Erst 1984 erschien nach langem Schweigen das Album „Climate of a Hunter“, 1995 „Tilt“, und jetzt, nach weiteren elf Jahren Pause „The Drift“. Ein ebenso schwer zugängliches wie eindrucksvolles Werk, in dem Walker ohne festgelegte musikalische Arrangements seine alptraumhaften Vorstellungen in düster poetischen Songgebilden ausdrückt.

Und wieder ist es das Verdienst des Films, dass der Betrachter auch ein paar Blicke ins Studio werfen darf, wo Walker als „Komponist des Unbewussten“ seine seltsamen Klangcollagen erarbeitet. Er hämmerst mit einem Ziegelstein auf eine riesige Holzkiste ein, dengelt Eisenstangen und lässt den Percussionisten rhythmisch auf Schweinehälften boxen. Neben alten Archivaufnahmen der Walker Brothers zeigt uns ein Fan seine erstaunliche Raritätensammlung, erzählen David Bowie, Brian Eno, Radiohead, Marc Almond und unzählige weitere Musikerkollegen, warum sie Scott Walker und seine Musik so sehr verehren. „Er ist nicht nur einer unserer größten Komponisten, sondern auch ein großer Poet!“ (Brian Eno). Wie auf jede neue Platte von Scott Walker zu warten, hat sich auch das Warten auf dieses einfühlsame Filmporträt gelohnt.

Heute 15.30 Uhr (Colosseum 1), 17. 2, 22.30 Uhr (Cinestar 7)

FORUM

Heiserer Kandidat:

„Campaign“ von Kazuhiro Soda

Berufsverkehr im japanischen Kawasaki: Vor dem Eingang einer U-Bahn-Station müht sich ein Mann mit Megaphon vor einem kleinen Stand um die Aufmerksamkeit der vorbeihastenden Passanten. Er ist schmächtig – Typ unauffälliger Büroangestellter. Er trägt eine riesige Schärpe auf dem dunklen Anzug. Stehen bleiben will niemand. Irgendwann wird zusammengepackt und es geht weiter zum nächsten Auftritt in einem Einkaufszentrum oder einfach zum Dauerwinken an den Straßenrand.

Yamauchi Kazuhiko ist der Kandidat der in Tokio regierenden Liberaldemokratischen Partei für den Stadtrat von Kawasaki. Vom Parteiprogramm kennt er nur ein paar Floskeln, in denen das Wort Reform einen statistisch auffälligen Platz einnimmt. Doch Argumente sind nicht so wichtig. Die Hauptsache sei, so haben ihm die „Sensei“, die mächtigen Parteibonzen eingebleut, mindestens dreimal in der Minute den eigenen Namen zu nennen, damit sich die Lautfolge in den Wählerhirnen festsetzt. Kein Wunder, dass Kazuhiko am Ende nicht nur erschöpft, sondern auch heiser ist. Doch solche Blessuren sind für den arbeitslosen Universitätsabsolventen eine notwendige Investition in eine später hoffentlich ertragbringende Karriere, wie auch die erheblichen Kosten der Kampagne, die er aus eigener Tasche zahlen muss. Politische Ignoranz ist bei diesem Aufstieg keineswegs ein Hindernis. Im Gegenteil: Es sind die Unbelecktheit und Biegsamkeit des politisch desinteressierten Kandidaten, die ihn für die Parteifunktionäre als Politsöldner erst interessant machen. Doch irgendwann kommt auch er vielleicht mal ganz oben an.

Politik als mafiöses Marionettentheater um Posten und Pfründe: Große politische Analysen bietet der Film des in New York lebenden japanischen Regisseurs Kazuhiro Soda nicht, aufschlussreiche Einblicke ins tagtägliche Hauen und Stechen dagegen en gros. „Campaign“ ist ein Film in bester Direct-Cinema-Manier. Soda, der seinen Protagonisten noch aus Studententagen kennt, hat die Dokumentation als Einzelkämpfer realisiert – ganz ohne Drehbuch und öffentliche Förderung. Es ist möglicherweise der lustigste Film aus dem Forum-Programm, wenn seiner Hauptfigur auch eine gewisse Tragik nicht abzusprechen ist. Der Kollateralschaden für das Ansehen des real existierenden Parlamentarismus dürfte ebenfalls beträchtlich sein. Dass Kazuhiro Sodas „Campaign“ am anderen Ende der Welt in einer sogenannten fremden Kultur spielt, ist da kein wirklicher Einwand. Silvia Hallensleben

Heute 14.45 Uhr (Cubix 7), 17. 2., 20 Uhr (Arsenal)

PANORAMA

Finstere Krieger:

Timur Bekmambetovs „Day Watch“

Schön krass schnell ist dieser zweite Teil der postsowjetischen Horror-Saga. „Day Watch“ nimmt den Handlungsfaden kurz nach „Night Watch“ (Wächter der Nacht) wieder auf – Antons Sohn Yegor hat sich auf die dunkle Seite ziehen lassen. Der jahrtausendalte Waffenstillstand zwischen den Wächtern des Tages und den Wächtern der Nacht fällt noch mehr aus dem Gleichgewicht, als eine Vampirin vor ihrer Wohnung tot aufgefunden wird und Anton in Verdacht gerät. Die Ermordung eines Dunklen durch einen Hellen aber wäre das Ende des Friedens und ein neuer Krieg – die Intrige bringt Moskau an den Rand der Auslöschung. Anton ist zwar nur ein drittklassiger Wächter, der Ursprung allen Übels aber liegt in seiner Vergangenheit. Nur Tamerlans Kreide kann jetzt noch helfen.

Regisseur Timur Bekmambetov hat das Tempo seines „totalen Kinos“ noch einmal erhöht. Auf ein Neues treibt die Mechanik des Bösen ihren Keil zwischen Tat und Konsequenz, bis die Handelnden blind sind für ihren Zusammenhang. „Day Wacht“ schließt ab, was ursprünglich als Trilogie entworfen war. Ein dritter Film wird in den USA gedreht und in englischer Sprache. Schade. Sebastian Handke

Heute 20 Uhr (International), 17. 2., 17.45 Uhr (Cubix 8)

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