Kultur : KURZ & KRITISCH

Silvia Hallensleben

FORUM

Gespenstische Stimmen:

Philip Scheffner s „Halfmoon Files“

Genau eine Minute und zwanzig Sekunden dauert die Tonaufzeichnung mit der Stimme des Inders Mall Singh, die im Lautarchiv der Humboldt-Universität aufbewahrt wird. Es sind knappe Sätze über Heimatverlust und Gefangenschaft in seiner Muttersprache Punjabi. Aufgezeichnet 1916 auf eine Schellackplatte im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf bei Berlin, wo nicht-christliche Kolonialsoldaten aus den Armeen der Kriegsgegner interniert waren. Ziel war, sie durch privilegierte Behandlung zum Djihad gegen ihre Kolonialmächte aufzuhetzen. 1915 entstand im so genannten Halbmond-Lager die erste deutsche Moschee. Mit Requisiten aus dem Völkerkundemuseum wurden Filme wie „Der Prinz von Dahomey“ gedreht – mit Gefangenen als Statisten.

Und es wurde geforscht. Neben dem Tonarchiv mit den Stimmen „sämtlicher Völker der Erde“ werden auch die Körper der Gefangenen fotografiert, vermessen und für rassekundliche Forschungen verrechnet. Die Gefangenen sollen vorgegebene Texte in den Phonografen sprechen. Nicht alle hielten sich daran. So hört man mehrmals unheimliches Lachen aus dem dunklen Raum. Eine Geistergeschichte nennt Philip Scheffner seinen Film. Nicht nur die geschichtslosen Stimmen seiner Helden sind gespenstisch, auch die flüchtige Existenz der Sikhs, Moslems und Hindus vor den Toren Berlins scheint heute wie ein Spuk. Scheffner recherchiert in Berlin und versucht über eine Kontaktfrau in Indien, Mall Singhs Heimatdorf zu finden. Doch neue Grenzen machen die Suche schwierig. Und Wünsdorf wurde nach dem Abzug der Roten Armee zur Wald- und Bücherstadt. Doch in den Archiven gibt es Bild- und Tondokumente von damals. Scheffner benutzt sie zum Ausgangspunkt für weitere Recherchen. Ja, er nimmt das Material so ernst, dass er ihm erst einmal misstraut. So kommt fast nebenbei heraus, dass die Tonspur zu der berühmten Balkonrede des Kaisers zum Kriegseintritt erst 1918 im Wünsdorfer hinzumontiert wurde. Noch so ein Gespenst.

Heute 13 (Cubix 7), 18. 2., 20 Uhr (Arsenal)

FORUM

Tapferer Kranker:

„Chrigu“

Der Schweizer Christian Ziörjen, genannt Chrigu, strahlt Erfolg aus – bereits Kinderfotos. Man betrachtet sie und denkt: Der wird einmal berühmt. Auf sympathische Weise. Kein Karrierist wird er sein, sondern ein Idealist, der eher versehentlich Karriere macht. Als Jugendlicher beginnt er sich selbst zu filmen. Nach dem Abitur, vertraut er der Kamera an, will er sich engagieren und etwas verändern in dieser ungerechten Welt. Erst einmal studieren, dann Journalist oder Politiker werden, das sind seine Pläne. Mit nicht mal 20 Jahren erkrankt Chrigu an einer seltenen Form von Krebs. Warum gerade er? Eigentlich darf man die Frage nicht stellen, denn sie impliziert, dass andere die Krankheit eher verdient hätten. Christian selbst lehnt es ab, über den Grund seiner Erkrankung nachzudenken. Er akzeptiert sie, ohne zu resignieren. Und er nimmt weiterhin seine Aktivitäten mit der Digicam auf.

Der daraus resultierende Film „Chrigu“, den sein Freund Jan Gassmann zu Ende führte, ist wider Erwarten zu einer Sterbe-Doku geworden. Ein problematisches Genre, das meist geprägt ist von Voyeurismus, Selbstmitleid und Anklagen gegen die Gesellschaft und sogar die engsten Freunde. Nicht in „Chrigu“. Was den Protagonisten von vielen Leidensgenossen unterscheidet, ist sein unvermindertes Interesse am Leben der Anderen. Er verlangt für sich keine erhöhte Aufmerksamkeit. Im November 2005 starb Chrigu. Frank Noack

Heute 17.30 Uhr (Cinestar 8), 18. 2., 13 Uhr (Cubix 7)

PANORAMA

Knallharter Lehrer:

„Guten Morgen, Herr Grothe“

Herr Grothe ist 37 und Deutschlehrer an einer Hauptschule. Das ist kein Zuckerschlecken. Vor allem Nico boykottiert den Unterricht mit aller Macht und darf wohl bald mit dem Schulverweis rechnen. Auch Grothes abgehärtete Kollegin und Liebschaft Lisa Kranz, rät dazu. Herr Grothe aber will Nico unbedingt durchbringen und versucht, ihn zu fördern. Er überschreitet dabei seine und Nicos Grenzen, verliert sich und den Rest der Klasse aus dem Blick. Lars Kraume („Keine Lieder über Liebe“) widmet sich in seinem neuen Film der Verwahrlosung Jugendlicher und dem aufreibenden Hauptschulenalltag – und überzeugt vor allem mit seinen nachvollziehbaren Charakterzeichnungen von Grothe und Nico.

„Guten Morgen, Herr Grothe“ ist nicht spektakulär, vielleicht sogar ein wenig harmlos, aber er verkneift sich viele Klischees in einem an Stereotypen sonst sehr reichen Thema: Grothes Bemühungen bleiben fruchtlos. Ein dramatischer Anruf bringt ihn schließlich an den Rand des Zusammenbruchs – da zeigt sich, dass seine Schüler sehr wohl Verantwortung übernehmen können. Auch für Herrn Grothe. Sebastian Handke

18. 2., 14 Uhr (Cinemaxx 7)

PANORAMA

Friedlicher Nachbar:

„Southern City“ von Oleg Safarliyev

Baku, Ende der Achtziger: Auch zur Zeit ihrer Sowjetisierung war die Hauptstadt Aserbaidschans ein kleines, freundliches Paradies. Der Mikrokosmos in Aliks Wohnhaus ist wie eine Miniatur dieser Welt: Mit viel Jazz und gutem Essen lässt man gemeinsam die Hitzetage vorbei ziehen. Im Fernsehen gibt’s Glasnost, doch zwischen Armenien und Aserbaidschan beginnt zu dieser Zeit ein militärischer Konflikt um die armenische Autonomieregion Berg Karabach. Flüchtlinge strömen in die Hauptstadt, darunter Fariz, der mit seiner Familie in den Hof zieht und die kleine heile Welt vergiftet. Alik, mit seiner falschen Pistole, ist der einzige, der sich ihm entgegen stellt. Eine hochinteressante Hauptfigur: Er sieht aus wie Vin Diesel, durchsetzungsfähig, aber auch unsicher und manchmal zart wie ein Schaf, einer, der nur seinen Frieden will, und doch nicht angepasst ist, weil er sich auch um den Frieden seiner Nachbarn kümmert. Aber auch guter Wille kann ins Verderben führen – unter den Russen ebenso wie im Kapitalismus. Sebastian Handke

Heute 22.45 Uhr (Cinestar 3)

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