Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Zersplitterte Soli,

brachiale Riffs

Normalerweise hat eine Orgel bei Rockkonzerten ihren festen Platz. Bei Wolfmother ist das ein wenig anders. In der Columbiahalle schleift Keyboarder und Bassist Chris Ross sein Tasteninstrument kreuz und quer über die Bühne, kippt es in abenteuerliche Schräglagen und malträtiert es mit Akkordgehämmer. Ross entreißt der leidgeprüften Kiste dröhnende Soundschwaden, die wie psychedelische Lavaströme die zerfurchten Rock-Massive des australischen Trios umspülen. Wolfmother haben zu recht gerade einen Grammy für die beste „Hard-Rock Performance“ gewonnen. Vom Opener „Dimension“ bis zum finalen, tobenden „Joker & The Thief“ halten Wolfmother 90 Minuten lang ein elektrisierendes Energielevel, selbst wenn sie bei Stücken wie „White Unicorn“ oder „Apple Tree“ in delirierende Progrock-Improvisationen verfallen. Sänger und Gitarist Andrew Stockdale, dessen kugelrundes Lockenköpfchen an einen gestutzten Buchsbaum erinnert, feuert aggressiv zersplitterte Soli und brachiale Riff-Breitseiten ab. Sein nah am Kreischen operierender Gesang ist Markenzeichen der Band: ein cooles Jack-White-Kreischen, kein Gefistel wie beim stimmverwandten Scorpions-Sänger Klaus Meine. Am Schlagzeug wirbelt Myles Heskett mit virtuoser Wucht, ein würdiger Nachfolger großer Heavy-Rock-Drummer wie Ginger Baker oder John Bonham. Wolfmother sind keine Neuerfinder harter Rockmusik, sie bedienen sich ungeniert bei historischen Vorbildern. Aber durch ihre mitreißende Performance fügen sie dem Genre mehr als eine Fußnote hinzu. Ihnen ist noch einiges zuzutrauen.

POP

Vibrierende Gitarren,

schlepperige Akkorde

Vorwiegend Männer fortgeschrittenen Alters strömen ins Knaack . Nur ein paar Frauen sind darunter. Vier Männer kommen auf die Bühne. Eine Handwerkerkolonne, die gleich die Lüftung repariert? Statt den Werkzeugkasten auszupacken hängen sie sich Gitarren um und legen los. Rich Hopkins & The Luminarios aus Tucson, Arizona. Am Anfang ein Song vom Ende, der verlorenen Liebe: „Hard Times“. Hopkins’ Lieblingsthema. Melancholisch vibrierendes Gitarrenschwirren, schlepperige Akkorde. Die neuen Luminarios sind fabelhaft eingespielt. Man hört es, sieht es, dass sie Spaß haben. Und dass sie Neil Young verehren. Rich Hopkins war mal blond und dicker und hatte eine Stratocaster. Jetzt ist er schwarz und dünner, und spielt eine kirschrote Gibson ES-335. Mark Zubia setzt seine weinrote ES-335 dagegen. Wenn die zwei 6-Saitigen nebeneinander parallele Akkorde dengeln, klingen sie wie eine 12-Saitige. Wie Jingle-Jangle-Byrds. Bis sie wieder härter riffen, Zubia angezerrte Töne ganz langsam in eine kreischende Rückkoppelung zieht, und Hopkins minutenlang an einem feinen Solo sägt. Ken Andree, der mit Wollmütze, Zottelhaaren, Nickelbrille und Vollbart aussieht wie ein Beat-Poet aus der Landkommune, spielt einen beweglichen Bass, und gibt mit Drummer Eric Truelove den frei schwebenden psychedelischen Ausuferungen ein solides Fundament. Zwei Stunden vergessen wir, wie alt wir schon geworden sind. Bis uns Hopkins zurückholt in die Gegenwart: Er wisse nicht, ob er noch einmal in Berlin auftreten werde, ob dies überhaupt sein letztes Konzert gewesen sei. Das wollen wir nicht hoffen. H. P. Daniels

KLASSIK

Elastischer Klang,

sprechende Gestik

Es ist keine ungetrübte Freude, Markus Poschner in der Komischen Oper zu erleben. Schließlich verlässt der junge Dirigent bald die Stadt und verdeutlicht den bevorstehenden Verlust durch gelungene Abschiedsvorstellungen. Mit Beethoven hat sich Poschner in den letzten Jahren besonders profiliert, alle Sinfonien führt er sukzessive mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin auf. Nie hat er einen Hehl daraus gemacht, dass ihm der schlanke, noch der klassischen Tradition verpflichtete Beethoven näher liegt, als der heroische Titan, der auch eine romantische Projektion ist.

Die Sinfonien eins und vier kombiniert Poschner im Abonnementkonzert des Orchesters der Komischen Oper. Zunächst ist er zu sehr darum bemüht, dem Orchester seine feinsinnigen Vorstellungen von gestochen scharfer Artikulation, elastischem Klang und sprechender Gestik vorzuführen. Das klingt zwar quicklebendig, überraschend schön in den Holzbläsern. Doch fehlt noch der ruhige Atem. Der sich in „Psychokosmos“, dem ersten großen Orchesterstück von Peter Eötvös dann von allein einstellt. Denn das vom Kontrast zwischen dem exotischen Zimbalom und einem riesigen Orchesterapparat geprägte Stück verlangt Ruhe und Übersicht. Derart geläutert, gerät dem Orchester zum Schluss Beethovens Vierte zum Höhepunkt des Abends. Vor allem die gestischen Wechselbäder und verdrehten Rhythmen des dritten Satzes sprühen nur so vor Virtuosität und Humor. Ulrich Pollmann

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